“Plötzlich hörte ich… ein Knurren… Das Knurren bebte vor Wut und sprang im Garten hin und her… Ich spürte, dass jemand mir ins Bein biss…“ Ulf wird beim Äpfelklauen von einem Werwolf gebissen. Das setzt ungeahnte Kräfte frei, denn: wie hätte er sich sonst geradezu tollkühn dem Zack-Zack-Turnlehrer widersetzen, wie nach böser Anmache zurückhauen und wie mit Papas Brieftasche ein Schaufenster zerschmettern können? Ulfs bester Freund und Beschützer, der coole Jakko, glaubt fest an Einbildung, aber Ulf weiß, was er weiß!

Nachdem Bücher von Gunnel Linde seit den 70-er Jahren kometenartig immer wieder auf- und abtauchen (zvab.com verzeichnet 160 Einträge), hat der Gerstenberg Verlag die preisgekrönte schwedische Autorin 2004 wiederentdeckt. Nach „Der weiße Stein“, „Joppe“, „Wie eine Hecke voller Himbeeren“ und „Die Liga der Unsichtbaren“ liegt nun ein weiteres Kinderbuch vor, das bleiben sollte. Geschrieben 1972, hat es nichts an Frische verloren. Es hat einen spannenden Aufhänger, ein flottes Erzähltempo, jede Menge Situationskomik in Familien-, Freundschafts- und Schulepisoden und ein verblüffendes Ende, das – genregemäß – mit leichtem Thrill entlässt. Linde nutzt die Werwolffaszination, um von den Nöten eines als „Wackelpudding“ verspotteten Jungen zu erzählen. Unterdrückte Persönlichkeitsanteile literarischer Figuren mittels Allmachtsphantasien wachsen zu lassen, ist nicht neu. Aber Ulf ist ein besonderes Exemplar. Der überzeugende Ich-Erzähler, der so urkomisch ernst von seinen Ängsten und Aussetzern erzählt, ist ein echtes Lese- oder Vorlesevergnügen. Die 22 Schwarz-Weiß-Illustrationen von Namensvetter Ulf (K.), einem der renommiertesten Comiczeichner Deutschlands, verdichten vor jedem Kapitel ein zentrales Handlungsmoment und geben den Figuren mit wenigen Strichen ihren unverwechselbaren Charakter.

Als Einstieg ins Buch könnten Kapitelillustrationen und -überschriften getrennt zu einer möglichen Geschichte geordnet werden. Worum könnte es gehen? Welche Kapitelüberschrift klingt spannend und sollte einführend vorgelesen werden? „Der Werwolfbiss zeigt seine Wirkung“?, „Ich kehre zum Ort des Verbrechens zurück“? oder „Das Blutbad im Keller“ ?

(Der Rote Elefant 27, 2009)

Claudia Rouvel