Boj muss gut aufpassen, wenn Papa nach Hause kommt. Leise muss er sein, darf nichts falsch machen. Mama kann das perfekt. Aber selbst ihr schönstes Kleid und frisch gebackener Kuchen können nicht aufhalten, was Boj längst hört, sieht, spürt: „Im Keller hinter Papas Stimme, da erhebt sich jemand. Bösemann, der die Leiter aus Rippen hochklettert. Bösemann, der raus will.“ Boj weiß die Zeichen zu lesen, die das gewohnt Schreckliche ankündigen. Dann stellt er sich vor, wie die Wut im geliebten Vater wächst, bis sie sich ausstülpt und das ganze Haus in Besitz nimmt. Die Mutter versucht Boj zu schützen, kann ihn nur noch einschließen und erträgt das Folgende. „Glut in den Augen. Schwarzer Mann. Roter Mann. Bösemann bringt den Krieg. Und Bösemann bricht durch Fels und Mauern und Mama. Und die Uhr im Wohnzimmer tickt und tickt und tickt.“ Über eine Stunde dauert es. Die Tränen des Täters danach verweisen auf ungelöste innere Konflikte. Quälend lang (vier Doppelseiten) hallt die Zerstörung in der Familie nach. Alle Türen sind zu, die zur Welt und die in Boj. Dennoch schafft er es nach draußen. Nicht zum ersten Mal trifft er eine Dame mit starker Sehhilfe (!). Ihrem Hund vertraut sich Boj an. Ein Brief des Jungen zwingt die Erwachsenen zu handeln …

In Angst, Wut, Scham, Ohnmacht und Hoffnung weicht die Erzählstimme dem Protagonisten nie von der Seite. Gro Dahles Text (treffend übersetzt von Christel Hildebrandt) wirkt durch Bojs häufige, sich selbst vergewissernde Fragen, Rhythmik und vieldeutig-eindringliche Bilder wie eine magische Beschwörung, die den Jungen vor dem Verlust der eigenen inneren Stimme schützen soll. Svein Nyhus’ expressive Illus- trationen offenbaren schonungslos wachsende Bedrohung und Ausbruch der väterlichen Gewalt, insbesondere über dessen raumgreifend-dominante Riesengestalt mit kleinem Kopf. Nach dem Ausbruch dagegen schrumpft der Körper, die Haltung wird devot, kindlich, hilflos und der Vater trägt grau gestreifte (Sträflings-)Kleidung. Die Collagen aus Kohle- und Wachsmalzeichnungen sowie geschichteten (Tapeten-)Mustern nehmen die Text/Bild-Metapher des rot auflodernden und alles verzehrenden (Wut)Feuers kongenial auf. Wie intensiv und differenziert sich hier Gefühle in Text und Bild ausdrücken, das macht dieses Buch zu einem Kunstwerk. Und weil es sich beherzt dem stellt, was Kindern eben (nicht selten) zustößt, kann es vorlesende Erwachsene und ihnen vertrauende Kinder ermutigen, über Ursachen und Auswege zu sprechen, wozu die Figur des helfenden „Königs“ Ansatzpunkte bietet.

Sylvia Habermann