Cover: Gideon Samson, Sternschnuppensommer

„Natürlich hast du recht. Nachdem du … auf dem kleinen Flugplatz der Insel gelandet bist, wartet Yannis Zervakis tatsächlich nicht auf dich.“ Wer den 12-jährigen Jakob erst sehr verspätet abholt, ist der griechische Vater. Jakob war vier, als die Mutter mit ihm zurück in die Niederlande ging. Im Sinne einer Vater-Sohn-Annäherung soll Jakob die Ferien bei Yannis verbringen. Die Mutter begleitet derweil ihren neuen Freund nach Thailand. Jakob fühlt sich abgestellt. Doch dann trifft er den 13-jährigen Insulaner Michàlis: Mutter Griechin, Vater Niederländer. Ein Seelenverwandter. Unerwartet reist Puck an, Michàs Schwarm seit letztem Sommer. Die Jungen und das Mädchen erleben eine überaus intensive Zeit, egal ob sie in Sonne und Meer „baden“, pro Sternschnuppe ein Geheimnis offenbaren oder Küssen proben. Zu dritt sind sie eine Einheit, phantasieren sogar eine gemeinsame Zukunft, aber so wunderbar schwerelos bleibt es nicht …

Eine Dreiecksgeschichte um Freundschaft, Liebe und Eifersucht, welche die aufkeimende Sexualität bei Protagonist*innen im Alter von 12 und 13 integriert, ist in der KJL selten. Der literarische Ort „griechische Insel“ mit viel sinnlichem Flair (Natur, Musik, Tanz) und einem anderen Zeitempfinden ist bewusst gewählt. Einander erzählte Mythen, worin Götter „schicksalhaft“ walten, untersetzen das allgemein Menschliche der so neuen Erfahrungen der Helden und schaffen Anknüpfungspunkte für Gespräche zwischen Vater und Sohn. Die gewählte Du-Perspektive auf die beobachtete Hauptfigur Jakob changiert zwischen Nähe und Distanz, macht Leser*innen durch Nachfragen oder Interpretationen (z. B. von Körpersprache) Denkangebote, wirkt aber nie allwissend oder moralisierend. Bemerkenswert ist, dass Vater Yannis und Freund Michà mit Jakob nur gebrochen Niederländisch sprechen (gekonnt ins Deutsche übertragen). Neben der Komik, die damit den Text durchzieht, vermitteln die ungelenk-unfertigen Sätze nicht nur die Schwierigkeit, sich in einer Zweitsprache adäquat verständlich zu machen, sondern auch die Kompliziertheit von Kommunikation überhaupt, insbesondere wenn Gefühle im Spiel sind, wo per se die Worte fehlen. Im Deutschen nichtperfekte Leser*innen fühlten sich vielleicht verstanden, Leseerfahrene wiederum animiert, die Sätze im Kopf zu verbessern. Im Rahmen einer Buchvorstellung könnte man „verbesserte“ mit unverbesserten Sätzen vergleichen. Wie verändert sich die Textatmosphäre? Auch das idealtypische Happy-End – die Freundschaft siegt – bietet Diskussionsstoff. Was halten 13-jährige von einer Liebe zu dritt? Und was hat Liebe mit Freiheit oder Besitz zu tun?

Claudia Rouvel