Cover: Friedrich Schiller, Die Kraniche des Ibykus

Das dunkle Rot des Leinenrückens im Kontrast zur bleich-grauen Coverillustration macht Lust, das Buch aufzuschlagen. Zu sehen sind drei filigran gezeichnete Kraniche, die eine gedrungene Figur umstellen. Die Ballade vom Mord an einem Künstler samt Aufdeckung der Tat erzählt sich fast allein über die Bilder. Auch die kleine dunkelrote Schrift des Textes fügt sich untergeordnet in diese ein: Da ist ein Mann, fast eins mit seinem Instrument. Während er musiziert, hält er die Augen geschlossen. Offensichtlich ist er unterwegs, ein Wegweiser nennt das Ziel. Der Mann ist allein. Nein! Viele Kraniche begleiten ihn, helfen, den Weg zu finden, ruhen mit ihm, lauschen seiner Musik. Plötzlich stellen sich dem Mann Männer in den Weg … Nur die Kraniche sind Zeugen des Mordes und sorgen für eine Verurteilung.

Das Bedrohliche des Geschehens spiegelt sich adäquat in den mit Buntstift schraffierten schwarz-grau getönten Bildern. Nur die Mörder fallen wie Fremdkörper in Gelb und Blau aus diesem Dunkel heraus. Gegenläufig zum Text fügt die italienische Künstlerin Valentina Corradini in die Welt der Antike merkwürdige Anachronismen ein. Ein Auto, eine Zigarette, moderne Kleidung verunsichern zunächst. Sie könnten sagen: Sieh da, so etwas geschah vor langer Zeit, aber auch heute!

Kommen im Text die Kraniche als Gruppe vor, sind hier Vogelindividuen zu entdecken, ausgestattet mit menschlich anmutenden Emotionen. Ihre Augen schauen mal traurig, mal neugierig, mal fürsorglich. Die Flügel vermögen zu trösten, zu beschützen, aber auch anzuklagen. Schade, dass die wichtigste Stelle, an welcher sich die Mörder selbst entlarven („Sieh da! Sieh da, Timotheus! Die Kraniche des Ibykus!“), nicht eindeutig unterstützt wird. Die Kraniche weisen zwar mit den Flügeln auf die Mörder, aber diese wollen sich nur verstohlen davonschleichen, für eine entscheidende „Wende“ der Geschichte etwas zu schwach. Beeindruckend dagegen die Erinnyen, dämonische Rachegestalten, die sich am Ende, wiegenden Bäumen ähnlich, dem Text zuwenden und ihm damit Bedeutung zuweisen. Die Künstlerin schuf eine Interpretation der Schiller-Ballade von großer emotionaler Ausdruckskraft, überaus geeignet, einen Zugang zu Schillers poetischer Sprache zu schaffen. Ein Glossar heute ungebräuchlicher Begriffe bietet zusätzliche Unterstützung. Wie stets in der Reihe „Poesie für Kinder“ ist auch hier der Gesamttext am Ende „pur“ nachzulesen. Erneut gelang dem Kindermann Verlag ein Beispiel dafür, wie man Kinder an die Welt der Balladen und damit an Weltliteratur ästhetisch anspruchsvoll heranführen kann.

Eva-Maria Radoy