Cover: Frauke Angel, Mama Mutsch und mein Geheimnis

Lelio findet, dass Heimweh fast das schönste Gefühl auf der Welt ist, denn dann wirbelt ihn Papa voller Freude durch die Luft, kocht ihm sein Lieblingsessen und krault seinen Kopf. Aber so ist Papa schon lange nicht mehr. Deshalb nennt ihn Lelio für sich nur noch Gunnar. Lelio ist achteinhalb. Die Mutter starb, als er ein Baby war. Jetzt sind seine Familie Papa und er. Nur wenn Tante Gisela, Papas Schwester aus Süddeutschland, dreimal im Jahr anreist, Aufgaben verteilt und eine gewisse Struktur und Ordnung schafft, entsteht kurzzeitig so etwas wie Familienleben. Sonst ist Gunnar nie da, oft auch in der Nacht nicht, hat keine Zeit für Lelio und kein Geld. Überdies ist er immer schlecht gelaunt und stinkt. Eines Tages, als Lelio allein und ratlos vor der Hausaufgabe sitzt, einen „unsichtbaren Freund“ zu malen, sieht er in der Wohnung gegenüber eine Frau, die Umzugskisten auspackt. Noch weiß er nicht, dass sie erst zu seinem unsichtbaren Freund AMAM und dann zu Mama Mutsch wird, bei der er Geborgenheit findet, die ihm zuhört und das Geheimnis um Gunnar lüftet. Frauke Angel lässt ihre Ich-Figur Lelio dicht und psychologisch überzeugend in 20 Kapiteln aus ihrem Leben erzählen. In einfacher Sprache, z. T. naiv-humorvoll und dann wieder sehr ernst erfahren die Leser*innen glaubwürdig aus kindlicher Sicht, wie sich das Zusammenleben von Vater und Sohn Stück für Stück veränderte, wie zunehmend Armut und Vernachlässigung Lelios Alltag bestimmten. Aber Lelio erzählt auch von seinen Wünschen und Hoffnungen, so dass sich seine Leser*innen ihm nahe fühlen können, was die Schwarz-Weiß-Illustrationen unterstützen, welche besonders Emotionalem Ausdruck verleihen. Mama Mutsch jedenfalls ist für Lelio ein Glücksfall. Sie findet heraus, dass die Droge Chrystal den Vater so verändert hat und klärt Lelio – und mit ihm die Leser*innen – über deren zerstörerische Folgen auf. Das tut sie voller Verständnis und ohne moralische Wertung. Mama Mutsch steht mit ihrer Empathie und Tatkraft beispielgebend dafür, dass ein Kind in Not verantwortungsbewusste Erwachsene braucht, die Not erkennen und handeln. Das Ende ist offen, aber voll Zuversicht: Lelio bleibt vorübergehend bei Mama Mutsch bis sein Vater die „Rückverwandlung“ abgeschlossen hat.

Da der Buchtitel auf ein „Geheimnis“ verweist, könnten ausgewählte Lesestellen zu Lelios Situation (kein Geld, leerer Kühlschrank, Vater nachts nicht da, Beobachtung, wie der Vater Kristalle aus dem Tiefkühlfach nimmt …) dieses andeuten. Welches Geheimnis könnte der Vater haben, aber warum heißt es im Buchtitel „mein (also Lelios) Geheimnis“?

Ina Taege