Cover: Franz Hohler; Jürg Schubiger; Aller Anfang

Aller Anfang … ist schwer? Das vorliegende philosophisch-poetische Geschichtenbuch über mögliche (Welt)Anfänge folgt dieser Redewendung nicht. Eine Frau arbeitet sich aus dem Ei und legt los mit der Schöpfung. Oder war es doch anders? Elemente, Sonne, Mond, Sterne, die festen und beweglichen Dinge, deren Namen, die Sprache, das muss doch alles mal dazugekommen sein? Ja, aber nicht in der ersten, sondern in den restlichen 33 Geschichten. Wenn in Geist und Seele verwandte Menschen einander Ideen wie Bälle zuwerfen, gelingen offenbar solche leichten Anfänge. Zwei Briefe der Autoren im Anhang geben darüber Auskunft. Dass diese Gedankenspiele auch Themen wie Individualität und Gemeinsamkeit, Gleich- und Anderssein, Mit- und Gegeneinander umkreisen, erscheint folgerichtig. Da sind ein Blei- und ein Blaustift. Beide konkurrieren um ihre Ausdruckskraft und ergänzen einander – selbst unbemerkt – auf wunderbare Weise. Letzteres Urteil liegt bei Leser oder Zuhörer. Oder diese dürfen über „Der Strand“ nachsinnen, wo mindestens 10 Leute gemeinsam zum Meer gehen müssen, weil einer alleine dessen Größe nicht erfassen kann. Jede Geschichte verändert herkömmliche Perspektiven, bietet paradoxe Wendungen, offene Fragen, ungewöhnliche Interpretationen von Dingen, Begriffen und Verhaltensmustern. Das Denken strudelt. Nicht alle Geschichten sind neu. Manche stammen z. B. aus Schubigers Preisbuch „Als die Welt noch jung war“(DJLP 1996) oder aus Hohlers „Der Riese und die Erdbeerkonfitüre“. Aber gerade das Zusammenspiel der „34 Hin- und Her-Geschichten von der Schöpfung“ macht den Reiz aus. Die Geschichten eignen sich – auch aufgrund ihrer teilweise extremen Kürze – glänzend für „Meditationen“, bekannt aus den Philosophenschulen der Antike. Eine Geschichte dient als Anstoß zum Laut-Nachdenken, Überdenken, Drehen und Wenden und vor allem argumentativ Formulieren. Spielerisch könnten sich die Teilnehmer dabei einen Ball zuschieben.

Jutta Bauers Illustrationen, z. T. Collagen aus Buntstiftzeichnungen und illustrierten Fertigprodukten (Abbildungen, Buchstaben, Schriften) untersetzen durch das Fragmentarische des Materials den Gedanken des Vorläufigen. Auch wirken ihre Figuren, egal ob Tiere oder Menschen, ausgesprochen naiv, Archaisches wird fein ironisiert. Besonders schön ist der sparsam gestaltete vermenschlichte Tier-Planet aus „Nasen“. Diese Illustration könnte schon sehr kleine Kinder zu intensivem Nach-Denken über die Welt inspirieren und wegen deren scheinbarer „Unfertigkeit“ zu eigenen Malideen über einen früheren Tier-Planeten anregen.

(Der Rote Elefant 32, 2014)

Claudia Rouvel