1967 schrieb Fühmann an seinen Lektor Kurt Batt im Hinstorff-Verlag (DDR):„Und was tut die strenge Feder? Sie schreibt Kinder- und Jugendbücher, das ist besser als nichts und besser als Falsches.“ Die strenge Feder führt ein gesellschaftlich desillusionierter Autor mit hohem ästhetischem Anspruch, ständig zweifelnd, oft verzweifelt, auch scheiternd. Dem Ausweg Kinder- und Jugendliteratur verdankt die deutsche Literatur u.a. Fühmanns sprachlich ausge-feilte Nacherzählungen der Ilias und der Odyssee und eine originelle Prometheus-Inter-pretation. Zu den von Johann H. Voß übertragenen Homerschen Epen erklärte der Autor 1968, er habe diese „frei behandelt, weggelassen und behutsam hinzugefügt“. Absichtlich seien Rhythmus und Struktur der Hexameter eingebracht. Beim „Prometheus“ (1974) dagegen mussten viele Quellen und Interpretationen verglichen werden, um jenen Prometheus zu extrahieren, von dem Fühmann Heranwachsenden erzählen wollte. Sein rebellischer Titan stellt sich gegen die eigene Familie, um ein erstarrtes System zu stürzen. Erkennend, dass auch mit den Olympiern nichts anders wird, schafft Prometheus nun ein Wesen, das sterblich ist, um Macht endlich zu machen. Fühmanns 1. Prometheus-Band (2 + 3 blieben unvollendet), wurde auch als DDR-Systemkritik gelesen. Alle drei Adaptionen weisen jedoch entsprechend Fühmanns Definition von „Mythen als Menschen- und Menschheitserfahrungen“ darüber hinaus. Für die Suche jedes Heranwachsenden nach eigenen Werten, Weltanschauungen und Menschenbildern sind sie provokativ-differenzierte Denkbegleiter. Endlich liegen Neuaus-gaben der Texte vor, allesamt illustriert von Susanne Janssen. Im Gegensatz zu den expressiv-suggestiven „Rotkäppchen“ und „Hänsel und Gretel“-Interpretationen, nimmt die Künstlerin hier eine eher distanzierte Haltung zum Stoff ein. Malerei und Collagen zitieren auf reizvolle Weise antike Ästhetik. Der gemalte Prometheus sieht aus wie ein Bruder des Odysseus, was darauf hindeutet, dass hier kein Individuum gemeint ist, sondern ein antiker Figurentypus, der nur durch Beigaben erkannt wird. Überzeitliches und Vergänglichkeit setzt Janssen dialek-tisch ins Bild. In Titanen, Göttern und Menschen finden sich ausgeschnittene Figuren und Dingen aus verschiedenen Kunstepochen, das Material wirkt grau-verwittert-bröcklig. Trotzdem sind Odysseus, Prometheus und der behelmte Paris auch im wahrsten Sinne des Wortes zum Anfassen, denn: Helme, Schilde oder eine Mohnblumenkapsel (Covergestaltung) sind lackiert und leicht erhaben zu ertasten. Einen besonderen Blick lohnen die Doppelseiten mit den (über)sinnlichen Frauenfiguren Kalypso oder Kirke in „Irrfahrt und Heimkehr des Odysseus“. Eine wunderbare Ausgabe, die mit Sicherheit Jugendliche verführen wird, sich auf diese (Welt)Geschichte(n) einzulassen.

(Der Rote Elefant 29, 2011)

Claudia Rouvel