Cover: Finn-Ole Heinrich, Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt – Ende des Universums

Wie es zu „Maulina“ kam, erklärt Paulina so: „Wir hatten tausend Namen für mich und Maulina hat das Rennen gemacht, weil ich Paulina heiße und es sich reimt und weil ich das Maulen zur Kunst erhoben habe. Maulen heißt nicht einfach rumstänkern, maulen, das ist eine Lebenseinstellung.“ Mit vorliegendem Band beendet Finn-Ole Heinrich seine Maulina-Schmitt-Trilogie, die zu Recht mit mehreren Kinderliteraturpreisen ausgezeichnet wurde. Jeder Band umfasst jeweils einen Sommer: In „Mein kaputtes Königreich“ wird die 10-jährige Paulina nicht nur mit der unheilbaren Nervenerkrankung der Mutter, sondern auch mit der Trennung der Eltern, dem Umzug von „Mauldawien“ nach „Plastikhausen“ und einem Schulwechsel konfrontiert. Doch unerbittlich nimmt Königin Maulina den Kampf gegen die Krankheit und den „Mann“ auf, dem sie die Schuld an der Trennung gibt. Im 2. Band „Warten auf Wunder“ geht es der Mutter schlechter, Paulina nähert sich dem Vater wieder an, der allerdings mit einer neuen Frau Zwillinge bekommt. Sie stellt Nachforschungen zur Vergangenheit der Eltern an und sammelt Erinnerungsstücke. Im „Ende des Universums“ ist Paulina fast 13. Die Mutter kann nicht mehr aufstehen und benötigt ständig ihre Hilfe. Trotz selbstgebrauter Zaubertränke gibt es kein Happy End.

Glücklicherweise verzichtet Heinrich auf Melodramatik und beschreibt das Sterben der Mutter nicht. Seine eigenwillige, phantasievolle, ständig quasselnde und trotzdem ernsthafte Ich-Erzählerin reift, behält aber ihre „Lebenseinstellung“ konsequent bei. Bis zum bitteren Ende plädiert der Roman für „Ausrasten“ in extremen Belastungssituationen. Aber neben Überforderung und Verlust erlebt Paulina auch Freundschaft, Zusammenhalt und viel Alltag. Sie übt Perspektivwechsel, beschäftigt sich mit Unabänderlichkeiten und Endlichkeit, der Relation zwischen Mensch und Universum und dem Menschsein an sich: „Alles, was wir sind, sind wir nur in den Geschichten, die wir uns erzählen. Die einzigen Tiere, die sich Geschichten über sich selbst erzählen. […] Und wann ist eine Geschichte eigentlich vorbei? Dann, wenn ich es will. Zum Beispiel jetzt. Warum nicht. Alles wäre gut.“ Diese Botschaft ermutigt Leser einerseits zur Selbstdefinition durch Erzählen, weist aber das hier Erzählte eindeutig als Fiktion aus und vermittelt damit wie nebenher ästhetische Bildung. Die ausdrucksstarke, kreative Sprache Heinrichs, die sich in Paulinas sprunghafter Denk- und wortschöpfungsreicher Redeweise Bahn bricht, inspirierte die Isländerin Rán Flygenring zu skizzenhaften Momentaufnahmen und Bildgeschichten, welche das Wesen der Erzählerin überzeugend erfassen und zum Weiterdenken anregen. Im Verbund bieten Text und Illustrationen einen Lese- und Bildgenuss der besonderen Art.

Sarah van der Heusen