Cover: Fang Suzhen, Oma trinkt im Himmel Tee

In Zusammenarbeit der taiwanesischen Autorin und der in Asien bereits bekannten Berliner Illustratorin ist ein Buch vom Sterben entstanden, das dieses schwierige Thema so leicht und selbstverständlich als einen natürlichen Übergang von einem Zustand in einen anderen behandelt, dass es schon kleinen Kindern eine gedankliche Annäherung an das Unbegreifliche ermöglicht. In der Geschichte ist es der kleine etwa vierjährige Xiao Le, der mit seiner Mutter zur kranken Großmutter fährt. Sein Lieblingsspielzeug, der Bagger, kommt mit in den Rucksack. Es fällt ihm nicht leicht, sich der Kranken zu nähern, aber schließlich kann er ihr doch die Tabletten reichen und mit ihr ein paar Schritte in den Garten gehen, wo sie ihm Geschichten von seiner Mutter erzählt. Wieder zuhause dauert es nicht lange, bis Xiao Le von der Mutter erfährt, dass die Oma nicht mehr unter den Lebenden weilt. Sie sei im Himmel und Xiao Le stellt sich vor, dass sie dort Tee trinkt, wie üblich.

Eine schlichte Erzählung, in der deutschen Übersetzung auch in einer sehr einfachen Sprache wiedergegeben. Ihre Besonderheit erhält sie durch die Illustration, welche die Geschichte nicht nur bebildert, sondern ihr eine imaginative Ruhe verleiht. Eingerahmt wird alles durch bereits auf dem Umschlag bzw. Vor- und Nachsatz auftretende ornamentale Pflanzenzeichnungen. Dabei handelt es sich um die filigranen Stängel, Blätter und Blüten des Sauerklee, der in verschiedenen Kulturen für Glück, aber auch für Unsterblichkeit steht. Thematisch kommt er in der Geschichte ebenfalls vor, als ein Kinderspiel. Die Oma wohnt im „Dorf der duftenden Blumen“ und wohin man blickt, auf Tapeten, Kleidern, Wäsche – überall tauchen Blumenmotive auf. Und zwar nicht leuchtend bunt, sondern farbig zurückhaltend, eingepasst in die matten Farbtöne der einzelnen Szenen, die zwischen fotorealistischen Vordergrunddetails und fast surrealistischem Hintergrundmilieu wechseln. Das moderne Outfit, die Mutter trägt anfangs ein Jeanskleid, wird eingebettet in eine überzeitliche Naturornamentik, die auch das Vergehen eines Menschenlebens als etwas Natürliches erscheinen lässt.

Rudolf Wenzel