Noch vor kurzem bestimmten weiße Amerikaner, welche Plätze schwarze Mitbürger in der Gesellschaft besetzen durften, nicht nur in öffentlichen Verkehrsmitteln. Doch dann änderte ein besetzter Platz in einem Bus alles.

Eine (außer)gewöhnliche Frau ließ sich im Dezember 1955 ihres Platzes nicht verweisen. Widerstand und Verhaftung lösten einen Busboykott aus. Den ökonomischen Einbußen folgte die Aufhebung der Rassentrennung in Verkehrsmitteln. Die politischen Folgen mündeten in die schwarze Bürgerrechtsbewegung. Ihr Anführer, der Anwalt Martin Luther King, verteidigte 1955 die Platzbesetzerin Rosa Parks. Von ihr als einer Ikone dieser Bewegung erzählt das politisch und ästhetisch außergewöhnliche Bilderbuch. Ein schwarzer Großvater, damals Zeuge von Platzverweis und -behauptung, lässt Enkel Ben im Ford-Automuseum Rosa Parks‘ Platz besetzen und erzählt ihm ein Stück (eigener) amerikanischer Geschichte. Die Botschaft an den Enkel lautet: Es gibt stets „einen Bus…, der durch das eigene Leben fährt“. Der Großvater habe damals den Bus trotz Anwesenheit „verpasst“.

Den unpathetisch-schlichten Text, gesetzt auf weiße Flächen, begleiten stark emotional wirkende Bilder. Nur einmal wird die Text-Bild-Trennung durchbrochen: die Schlüsselszene zeigt Rosa in riesiger Polizeilimousine, darüber das Geständnis des Großvaters ob seiner Feigheit. Ausgeführt mit breitem Pinsel, unterschieden in Rahmen- und Binnenerzählung, bestimmen die historischen Ereignisse auf Einzel- und Doppelseiten – farblich alten Fotos ähnelnd – 2/3 der „Gemälde“. Atmosphärisch-stilistisch sind diese mit ihren Perspektiven, Licht- und Schattenflächen, Linien und Farben vom amerikanischen Realismus der 20er/30er Jahre inspiriert (vgl. Hopper). Aber Illustrator Quarello kommentiert auch eigenständig. Eine Seite zeigt z. B. nur Rosas bebrillte Augen, den Betrachter fest im Blick, der geöffnete Mund auf der nächsten Seite formuliert (s)ein „Nein!“. Die vom Großvater verinnerlichte Domestizierung der Schwarzen setzt er nicht ins Bild. Seine schwarzen Figuren, nicht nur Rosa, strahlen selbstbewusste Würde aus (s. Geremy beim Angriff durch den Ku-Klux-Klan). Rosas nichtgeräumter Platz räumte ihr einen Platz in der Geschichte des Kampfes um Menschenrechte ein. Rosa bestand auf ihrer Würde und damit der aller Schwarzen. Menschenrechte sind nach wie vor weltweit in Gefahr, auch in Demokratien. Die kleine Großvater-Enkel-Geschichte kann Kindern das Vergangene nahe rücken und damit für die Möglichkeit und Notwendigkeit politischer Veränderungen sensibilisieren.

Als Einstieg könnte ein Ausgrenzungs-“Spiel“ dienen. Die Kinder werden zu einer „Busfahrt“ aufgefordert, manche erhalten einen Platz, andere müssen stehen. Was haben die Kinder gemeinsam, denen ein Platz verwehrt wurde? (Brille, Pullover, Augenfarbe …). Die „Busfahrt“ führt direkt ins Henry-Ford-Museum nach Detroit, zum „Bus von Rosa Parks“.

(Der Rote Elefant 30, 2012)

Claudia Rouvel