Die 15-jährige Protagonistin Doria erzählt direkt und ungeschminkt von ihrem Alltag in einer Pariser Vorstadt. Leicht hat es Doria nicht: Der Vater ist in seine Heimat Marokko zurückgekehrt, um dort mit einer anderen Frau den ersehnten Sohn zu zeugen. Seitdem leben Mutter und Tochter von Sozialhilfe und unter regelmäßiger Aufsicht verschiedenster Sozialtanten.

Die junge französische Autorin Guène verarbeitet in ihrem Debüt eigene Lebenserfahrung. Sie lebt in einer Pariser Vorstadt, stammt aus einer algerischen Familie und kennt das Leben von Migrantenfamilien und sozial Benachteiligten. Humorvoll und ironisch schildert Doria Situationen aus der Cité du Paradis: den Klatsch und Tratsch, die Peinlichkeiten im Leben einer Jugendlichen. Wie z. B. die, als im Supermarkt der Scanner ausgerechnet bei den ohnehin schon auffällig als Billigprodukt gekennzeichneten orange leuchtenden Damenbinden versagt und per Mikrofon laut der Preis nachgefragt wird. Jetzt weiß jeder Bescheid! In Dorias ernsthaften Gesprächen im Hausflur, die sie mit dem älteren, am Rande der Kriminalität lebenden Hamoudi führt, erweist sich, dass ihre Glücksvorstellungen denen ihrer Altersgenossen ähneln. Warmherzig und voller Stolz beobachtet Doria die Entwicklung ihrer Mutter von einer Analphabetin zur lesenden Küchenhilfe, schützt sie vor abfälligen Kommentaren anderer und entwickelt gemeinsame Zukunftsvorstellungen. Ob Berufswahl oder Liebe – immer mischen sich Prominente aus Film und Fernsehen in Dorias Gedanken. Sie dreht am „Glücksrad“ und ist am Ende enttäuscht über ihren ersten Kuss von Nabil, genannt die Null, der ihr bei den Hausaufgaben hilft. So wie sie allmählich Nabil schätzen lernt, erkennt Doria, dass ihr Leben aus mehr als Rap-Musik und Fernsehsendungen besteht. Die Autorin vermeidet Klischees und Anbiederungen ebenso wie moralische Wertungen. Sie gestaltet eine Figur, die den Widerspruch zwischen traditioneller islamischer Geschlechterrolle und Möglichkeiten einer modernen französischen Gesellschaft (er)lebt.

Als Vorbereitung auf den Text erläutern Jugendliche einander in einem Tabu-Spiel wichtige Wörter, die aus dem literarischen Text zitiert sind: Pubertät – Alphabetisierungskurs – Respekt   – Arschkarte   – Demütigung –Ich –Englisch – Supermarkt – Impuls– Spiegel – Casting – Hausflur – Eiffelturm  … bis sich aus den Anfangsbuchstaben der Buchtitel ergibt.

(Der Rote Elefant 25, 2007)

Sabine Mähne