Cover: Erna Sassen, Das hier ist kein Tagebuch

Tagebucheintrag vom 5. März: „Müde. Nichts gemacht. Keine Lust.“ Dieses Tagebuch, das keines sein soll, beginnt an einem 7. Februar und endet am 25. April. Boudewijn, genannt Bou, ist 15 Jahre alt. Sein Vater wusste sich keinen Rat mehr als den Sohn, dessen Lethargie und depressive Stimmungen für ihn unerträglich wurden, zu zwingen, etwas aufzuschreiben. Etwas über sich, seine Gedanken und Gefühle, was auch immer. Außerdem gibt er Bou noch einen Stapel CDs mit Musik, vorwiegend Klassik. Auch wenn Bou es sich nicht eingesteht, beides tut ihm gut. Es tut ihm gut, sich zu erinnern, über sich nachzudenken und seine offenen Fragen zu artikulieren. Was ihn vor allem beschäftigt, ist der Selbstmord der Mutter, der schon fünf Jahre zurückliegt, ihn aber immer noch wütend macht. Er fasst ein bisschen Mut, als er Pauline kennenlernt, in deren Gegenwart er sich wohl fühlt. Aber ihrer Zuneigung ist er noch nicht gewachsen. So kommt es zu einer Trennung, nach der wieder alles zusammenbricht. 11. März: „Ab heute mache ich mir zur Aufgabe, alle zu enttäuschen.“

Dass dieses Buch jugendliche und erwachsene Kritiker*innen gleichermaßen begeistert, belegt die Doppelnominierung im Rahmen des DJLP 2016. Durch eine schlichte, fast lakonische Alltagssprache und die vertraute Form des Tagebuchs, zusammengesetzt aus knappen Informationen, kurzen Zustandsbeschreibungen und längeren Reflexionspassagen, schafft es die Autorin, die Leser zu aufmerksamen Zuhörern der Selbstgespräche eines unsicheren, selbstzweiflerischen Jugendlichen zu machen. Hier redet einer von Angst und Selbstmordgedanken, findet aber gerade dadurch heraus, was ihn belastet und was gut für ihn ist. Da erkennt einer, dass es Menschen gibt, die ihm wohlwollen, auch wenn er sich noch so sträubt. Zu diesen Menschen gehört vor allem die kleine Schwester Fussel, zu der er sich flüchtet, wenn ihn die Albträume plagen. Sogar der Selbstmord der Mutter könnte einen Sinn gehabt haben, so schockierend diese Einsicht auch ist.

Jugendliche Leser*innen werden sich in vielen der sensibel übersetzten Selbstbetrachtungen wiederfinden, auch wenn sie weniger einschneidende Erlebnisse haben. Bou jedenfalls wird sich, nachdem das erste Buch vollgeschrieben ist, ein neues kaufen. Neben der indirekten Aufforderung an die Leser, es vielleicht Bou gleich zu tun, ist es auch ein Text, der sich für Diskussionen eignet. Idealerweise sollten diese von einem Experten begleitet werden, der zusätzlich zu inhaltlichen Fragen Verständnis für die psychische Dynamik des Geschehens vermitteln könnte.

Rudolf Wenzel