Cover: Eric Fan, Der Nachtgärtner

Eine Vollmondnacht im Sommer. Ein Mann beschneidet eine Baumkrone. Am Morgen erblickt der introvertierte Waisenjunge William statt ihrer eine grüne Eulenfigur. Er ist fasziniert vom Anblick des „Vogels der Weisheit“ und spürt, „dass etwas in der Luft lag“. Recht hat er. Weitere Tierskulpturen werden aus Baumkronen geschnitten und verwandeln den tristen, namenlosen Ort: „Die Menschen in der Stadt waren nie mehr wie früher“, heißt es im Text der vorletzten Doppelseite. Gemeinsam genießen Anwohner verschiedenster Herkunft und Generationen vor ihren Häusern den Sonnenuntergang – gärtnernd, spielend oder verträumt, mit diversen Haustieren, unter wild wuchernden Bäumen. Ist die Stadt anfangs in Sepia getaucht, kommen von Seite zu Seite mehr Farben dazu. Der Gemeinsinn überdauert Herbst und Winter, obwohl die Baumkunstwerke schwinden. Wer den Anstoß gab, bleibt ein Rätsel. Nur William gibt sich der Nachtgärtner zu erkennen, bittet ihn um Hilfe bei seiner Arbeit und schenkt ihm zum Abschied eine Gartenschere.

Das preisgekrönte, altersoffene Debüt zweier kanadischer Brüder erzählt von Hoffnung, Inspiration, wachsendem Selbstvertrauen und anonymen Heldentum. Stimmig-schlicht korrespondieren kurze, an Williams Wahrnehmungen gebundene Texte mit magisch wirkenden Illustrationen in überwiegend frontaler Perspektive: Digital bearbeitete Graphit- und Tuschezeichnungen, die trotz Trachten und Verkehrsmittel der 1950er Jahre wunderbar zeitlos wirken und alle Figuren liebevoll skizzieren. Der Nachtgärtner vermag sich in andere hineinzuversetzen: William gewinnt durch ihn an Ich-Stärke; Katzen umstreichen den Künstler, ehe er ihre Form im Baum festhält und lassen sich danach von Menschen streicheln. Schon auf der Titeldoppelseite verweisen Details auf mögliche Beziehungen: William ritzt mit einem Stock eine Eule in den Boden, während ein betagter, bebrillter Mann mit grünem Blatt im Revers vorbeigeht. Auch William wird später zum heimlichen Nachtgärtner: Auf der letzten Seite kniet er unter funkelnden Sternen vor einem Busch im einladend-einsamen Park und beschneidet ihn lächelnd nach dem Ebenbild eines Eichhörnchens. Vielleicht haben ja auch einige Leser Nachtgärtnerqualitäten und vermögen Dritten Freude zu bereiten. Das Buch scheint dazu aufzufordern. Schließlich läuft William auf der Suche nach dem Nachtgärtner in einer verlassenen Gasse direkt auf den Betrachter zu: „War das womöglich …?“

Anknüpfend an die Buchidee könnte man darüber nachdenken, was Gemeinsinn und Lebensfreude schafft: Wie könnte man Familie / Freunde / Fremde aufmuntern, ohne selbst in Erscheinung zu treten?

Kristina Vogt