Cover: Elisabeth Zöller; Das Monophon

Die etwa 12-jährige Mathilda entdeckt von ihrem Baumzimmer aus, wie auf dem Marktplatz ein „mächtiges Ding“ aufgebaut wird. Was wie ein Grammophon aussieht, benennt der Bürgermeister mit „Monophon“. Aus ihm ertönt wunderbare Musik und es will allen Bürgern eine gemeinsame Stimme geben. Allerdings wird nach und nach in seinem Dienst ein Machtsystem aufgebaut, worin keine eigene Meinung geduldet wird. Als bestimmte Personengruppen, Rothaarige, Sommersprossige, Brillenträger u. a. den Ort verlassen müssen, sind viele neidisch ob der angeblichen Bevorzugung. Später erkennen einige, dass es sich um Deportationen handelt. Die „Selbstdenkerin“ Mathilda, inspiriert durch Davids Sieg über Goliath, lehnt sich auf und lässt mit einer Gruppe Unterstützern das Monophon verschwinden. Ungewiss bleibt, was mit den Verschwundenen geschah.

Im Gegensatz zu ihren historischen Romanen wählt die Autorin hier eine abstrahierte, parabelartige Erzählweise ohne genaue Ort- und Zeitangabe und erhebt damit exemplarischen Anspruch. Der Text thematisiert Gleichschaltung, Rassismus, Gewalt und Totalitarismus auf der einen, Zivilcourage und Mut auf der anderen Seite. Gleichzeitig unterstreicht er die Kraft und Bedeutung von Erzählen, Erinnern und Benennen. Gleich eingangs wird die Spannung zwischen privat-‘stillem‘ Raum (Mathildas Zimmer) und öffentlich-‘lautem‘ Raum (Marktplatz) aufgemacht. Mathilda gelingt es, auf Rückzug und Individualität zu bestehen, gleichzeitig aber ihre Meinung in den öffentlichen Raum zu tragen und ihn zu verändern.

Trotz des geringen Umfangs ist der Roman inhaltlich und sprachlich komplex. Figuren und  Entwick-lungen werden nicht auf Gut und Böse reduziert. Der Charakter des totalitären Projekts und seine Verlockung, auf welche die Bürger auf unterschiedliche Weise reagieren, werden plausibel gemacht. So ist auch Mathilda anfangs vom Monophon fasziniert. Zöller arbeitet mit verschiedenen intertextuellen Bezügen, insbesondere mit Bibelstellen und einem Gedicht von Erich Fried. Durch die schlichte Sprache, erinnernd an Tagebuchaufzeichnungen, ist die Verständlichkeit durchweg gegeben. Das Präsens der Ich-Erzählung schafft Nähe zum heutigen Leser. Da Mathilda Gedichte schreibt, kommt es zu Wortneuschöpfungen, wie z. B. „bombadös“ oder zu  Bedeutungsveränderungen von Wörtern. So bezeichnet Mathilda z. B. Menschen als „gestreift“, an denen sie einiges gut und anderes nicht gut findet. Parabelentsprechend arbeitet Verena Ballhaus in ihren Illustrationen mit Elementen der Abstraktion, indem sie Muster und Icons kombiniert. So werden Ambivalenzen sichtbar: Blätterranken erinnern an Stacheldraht, das Monophon mit kunstvoll geschwungenem Trichter sitzt auf einem tiefschwarzen, schweren wirkenden Körper.

Der Texteinstieg könnte über den Begriff „Monophon“ erfolgen. Was könnte das sein? Wozu könnte es verwendet werden? Nach Kenntnis des Textes bietet es sich an, analoge historische und aktuelle Beispiele zu finden.

Sarah van der Heusen