Als Oma Sieglinde plötzlich gestorben ist, beginnt Maia ein Tage- und Skizzenbuch zu führen. Für die vierköpfige Familie der 16-Jährigen war die über ihnen wohnende ältere Frau soziale und emotionale Stütze. Maias jüngste Schwester trifft der Verlust am stärksten, da die Oma einen Flügel besaß und ihr musikalisches Talent förderte; mit einem aufgezeichneten „Papierklavier“ versucht sie sich zu behelfen. Maia übernimmt Doppelschichten in einem „Saftladen“, damit eine Klavierlehrerin bezahlt werden könnte. Ihr selber hilft das Buch, mit der Situation klarzukommen – mit ihrem Leben überhaupt! Hat sie doch so schon genug Probleme: keine Modelmaße, keine „heiße Lovestory“, der Vater abgehauen, Mama meist überarbeitet, das Zuhause eine Zweiraumwohnung mit Dreifach-Stockbett im Zimmer der Mädchen, im Kühlschrank manchmal nur Licht und Senf …

Maias Einträge sind undatiert, folgen keinem Schema. Formal fällt sofort ins Auge, dass Texte und Gestaltungen symbiotisch  ineinandergreifen. Auf jeder Buch(doppel)seite – Vor- und Nachsatz eingeschlossen – lässt die Illustratorin Maia mit Schriften und Bildelementen experimentieren; keine Seite gleicht der anderen. Farblich auf Schwarz-Weiß mit türkisfarbenen Kolorierungen beschränkt, variieren Platzaufteilungen, Größenverhältnisse und Perspektiven, wechseln Skizzen, Entwürfe und stärker ausgefeilte Zeichnungen ab. Offenbart sich hierin Maias künstlerische Begabung, so zugleich trefflich das Chaos in ihrem Kopf und ihrem Herzen, ihre Suche nach  Orientierungen und Wertigkeiten.

Die Texte der Protagonistin, Momentaufnahmen von Situationen, Erlebnissen, Wortwechseln, verschiedenen Stimmungslagen und  gedanklichen Auseinandersetzungen, wirken ebenso authentisch wie die gestalterische Seite des Buches. Mit ihnen fängt die Autorin nicht zuletzt ob eines lapidaren, bild- und humorvollen Duktus adoleszente Leser*innen ein. Zu Selbstbewusstsein, dem Infragestellen von Normen, Akzeptieren von Unperfektem und Wertschätzung für die „kleinen Dosen“ ALLTAGSGLÜCK gelangt Maia mithilfe von (nur) zwei ECHTEN Freund*innen: Alex und Engelbert/Carla, wobei letztere(r) je nach Situation eine andere Identität ausprobiert, was ebenfalls Stoff für ein eigenes Jugendbuch abgäbe. Einsichten und Resümees spricht Maia teils überdeutlich aus. Vielleicht wird anderen jungen Menschen gerade dadurch klar, dass „nicht das Profilbild, die Hülle zählt, sondern der Inhalt“. Dass Lektüre bzw. Vermittlung von Maias Tage- und Skizzenbuch sie dazu anregen könnten, auch eines anzulegen, versteht sich just von selbst.

(Der Rote Elefant 39, 2021)

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