Der Hund, den Nino nicht hatte, ist sehr lebendig. Er ist ständig an Ninos Seite, tobt herum und springt sogar der Uroma auf den Schoß. Keiner kann ihn sehen, außer Nino. Es ist der Hund, den Nino sich wünscht, denn sonst ist Nino sehr allein. Da ist zwar Mama, aber irgendwie abwesend, und Papa ist ganz weit weg, erlebt Abenteuer ohne Nino, irgendwo bei den Maoris oder den Flamingos oder den Kolibris.

Nur selten ruft Papa an und nur der Hund weiß, wie Nino sich fühlt. „Der Hund, den Nino nicht hatte, mochte Tränen. Sie schmeckten ihm. Lakritzwasser.“ Dann taucht plötzlich ein wirklicher Hund auf, ein Hund zum Spielen, der jedoch immer ein wenig fremd bleibt, tut er doch nicht gerne, was Nino tut. Aber: „echt, das ist alles nicht schlimm …“.

Doch, vieles ist schlimm für Nino, daran lässt Autor Edward van der Vendel keinen Zweifel. Aber er vertraut seinem Helden, dessen Phantasie, die dem Jungen immer wieder die Kraft gibt, sich selbst zu beschwichtigen („Ach was“) und eigene Abenteuer zu erfinden. Jetzt denkt sich Nino eben eine ganze Welt voller Tiere, Hirsch, Zebra, das Nicht-Nashorn und die Gedanken-Giraffe aus und – ganz nebenbei – ist auch der Hund, den Nino nicht hatte, wieder mit von der Partie.

Die Geschichte spielt irgendwo in einem Dorf im Wald. Die Requisiten – Auto, Briefkasten, Häuser – lassen an Minnesota denken oder Kanada. Aber wo auch immer: Ein Kind ist allein und erfindet Spielkameraden und Sehnsuchtsziele. Immer fliegt irgendwo ein Flugzeug herum, eine Rakete startet, zu sehen sind Luftballons, Schwalben, Koffer, ein Globus, ein Astronaut, Landkarten, Masken aus einem fernen Land, der Sternenhimmel … Ninos kindliche Weltsicht über Mama, Papa, Uroma und Phantasiefiguren, die van der Vendel in knappen, fast kurzatmig wirkenden Sätzen nur andeutet, inszeniert und ergänzt Anton van Hertbruggen in seinem Bilderbuchdebüt spannungsreich und expressiv. Die Gedankentiere überlagern oder durchdringen als Strichzeichnungen die realen, malerischen Szenerien. Die zum Teil aggressiven Farben sind heftig gegeneinander gesetzt, die Formen dynamisch. Das Ganze mündet in ein grandioses nächtliches Schlussbild, ein Grizzly erhebt sich vor dem Sternenhimmel, ein riesiger Mond beleuchtet einen Globus, auf dem sich Meerestiere tummeln. Nino schläft. Welche Abenteuer wird er noch für sich erfinden?

Rudolf Wenzel