Cover: Edward van de Vendel, Bis dann ... und träum was Schönes

Lotta ist ein glückliches und fantasievolles Mädchen. Jeden Abend steigt sie in ihr gemütliches Nashornbett und fliegt nach dem Einschlafen mit all ihren Knuddeltieren durch fantastische Welten. Am Morgen zurückgekehrt, berichtet sie Mama, Papa und dem älteren Bruder Theo von ihren Abenteuern. Doch eines Morgens ist das für Theo „alles Quatsch“. Lotta müsse sich in Acht nehmen, sonst könne sie nicht mehr auseinanderhalten, was „echt“ und „nicht echt“ sei. Auch in und nach der Schule benimmt sich Theo zu Lotta gemein. Als er ihr endlich gesteht, was mit ihm los ist, weiß Lotta, was zu tun ist …

Marije Tolmans Bildgestaltung mutet traumhaft an. Gekonnt vermischt die Künstlerin in ihren Illustrationen nach und nach Traumwelt und Realität, womit sie auf überzeugende Weise veranschaulicht, was Theo der Schwester prophezeit. Mit verschiedenen künstlerischen (Druck)Techniken und Zeichenstilen gestaltet Tolman Lottas Traumwelten in kräftigen Farben. Viele wiederkehrende Bildmotive, wie ein roter Elefant oder Theos riesenhafter rosa Traumbegleiter, bleiben geheimnisvoll, bieten fast surreal wirkende Leerstellen an und erinnern an Salvador Dalí oder Max Ernst. Dass am Ende die allzu oft bemühten „Flügel der Fantasie“ direkt ins Bild gesetzt sind, wäre nicht nötig gewesen, schmälert die visuelle Kraft des Buches jedoch nicht.

Van de Vendel und Tolman erzählen von einer bisher unbeschwerten Geschwisterbeziehung, auf die ein erster Schatten fällt. Dabei lassen sie individual- und familienpsychologisch offen, warum Theo plötzlich so ablehnend reagiert. Ist Theos Gemeinheit irrational oder zählen in seinem Alter nur noch Tatsachen? Vermisst Theo etwas, ist er neidisch auf Lotta oder will er die Schwester beschützen? Möglicherweise liegt der Grund des Konfliktes aber auch ganz woanders. Vielleicht in zu verschiedenen Charakteren? Und: Wie sehen Theos Nächte aus?

Das Künstlerduo vermittelt, dass Geschwisterkonflikte komplex und von den Beteiligten meist nicht rational erklärbar sind. Wie so ein Konflikt gelöst werden könnte, dazu macht das eindrucksvolle Buch einen Vorschlag: gemeinsam und mit der Kraft der Fantasie.

Mittels der von Tolman genutzten künstlerischen Techniken (Linolschnitt, Federzeichnung, Tusche …) könnten Kinder in Vorbereitung einer Buchvorstellung eigene Traumwelten gestalten, schöne und beängstigende. Der Vergleich mit Tolmans Bildern leitet dann zur Frage über, warum der Bruder die Traumwelt der Schwester so negativ bewertet.

Frank Kurt Schulz