Cover: Doris Lecher, Spiegel, das Kätzchen

Die Autorin und Illustratorin sagt von sich, dass sie „Katzen, Eulen, gutes Essen, Hexereien und einen leicht schrägen Humor“ mag. Das alles steckt in Gottfried Kellers gleichnamiger Novelle und in diesem Buch. Für eine kindnahe Fassung kürzte sie das Original und glättete auch sprachlich, wobei sie den humorvoll-ironischen Erzählton verdichtete. Gekürzt wurden zeitsatirische Passagen zur Charakteristik der kleinbürgerlichen „Leute von Seldwyla“, wie z. B. die ausführliche Schilderung der vielfältigen administrativen Funktionen des Stadthexenmeisters. Auch die erotisch anspielungs- und umfangreiche Binnenerzählung vom traurigen Schicksal eines Mädchens, das aus Angst vor Mitgiftjägern sein Lebensglück verspielt, entfiel. Was blieb, ist die Geschichte eines schlauen, trickreichen, aber am Hungertuch nagenden Katers, der sich o. g. Hexenmeister ausliefert. Der will das bejammernswerte Tier aufpäppeln, um an dessen Katzenfett zu kommen. Zur Befreiung aus dem „Teufels“-Pakt nutzt Spiegel des Hexenmeisters Geldgier, spiegelt ihm einen Schatz vor und zwingt den Gegner letztlich unter die Herrschaft einer dominanten Frau/Hexe.

Der eulenspiegelverwandte Spiegel, alles andere als ein „Kätzchen“,  kann sich der Empathie kindlicher Leser gewiss sein. Das „gute Ende“ ist durch Schwank- und Märchenerfahrung gewiss, jede Abschweifung ein angstlustvoller Gewinn. Wesentlichen Anteil am Unterhaltungswert des Buches haben die aquarellierten Radierungen, die mit zahllosen Details die Geschichte anreichern.

Die Künstlerin nutzt die Möglichkeiten ihrer Technik nicht nur zu grafischen Spielereien am Rande, sondern auch für inhaltliche Aussagen. Da die unterschiedliche Tiefe von Ätzungen Linienstrukturen verändert, macht Lecher über ausgefaserte Linien die Struppigkeit des Fells und damit die Widerborstigkeit des Katers sinnfällig. Kinder können auf den Bildern vieles entdecken, auch Dinge, die sie nicht kennen: Siegellack, Petschaft, Kneifer. Letzterer, auf der Nase des Hexenmeisters, kriegt mal bei einer heftigen Auseinandersetzung einen Sprung. Dieser ist bis zum Ende zu entdecken – und bereits als Vorgriff auf dem Cover im Maul des Katers. Also: Genau hinsehen! Bei der Entzifferung der Umschriften auf den Goldstücken, die schließlich gefunden werden, geht das nicht ohne Lupe (und rudimentäre Lateinkenntnisse). Da Kellers Novelle u. a. eine schweizerische Redewendung illustrieren soll, steht diese im Original am Anfang. Sie lautet: Er hat der Katze das Fett abgekauft! Hier steht sie am Schluss. Über den konkreten Anlass hinaus eine Anregung, mit Kindern über Bedeutungen von Redewendungen und Sprichwörtern zu sprechen.

(Der Rote Elefant 34, 2016)

Rudolf Wenzel