Cover: Dirk Reinhardt; Edelweißpiraten

Auf dem Friedhof, den Daniel regelmäßig besucht, um dem verstorbenen Großvater nahe zu sein, trifft er wiederholt auf einen alten Mann. Die beiden kommen ins Gespräch, Daniel besucht den Alten im Altersheim und darf schließlich dessen Tagebuch lesen.

Dieses Tagebuch beginnt im März 1941 und endet im Mai 1945. Es erzählt die Geschichte einer Gruppe der Kölner Edelweißpiraten. Damals war der alte Mann 14 Jahre alt, mit seinem Freund Tom im Streit aus der Hitlerjugend geflogen und hatte eine Gruppe von Jugendlichen kennengelernt, die sich abends am Neptunbad trafen. Sie sangen Lieder und prügelten sich mit den „Streifendienstlern“. Bald gehörten die beiden dazu und nahmen an Unternehmungen teil, die als Provokation der HJ begannen, dann über Wandparolen und Flugblattaktionen bis zu Sabotageakten und Einbrüchen in Wehrmachtdepots reichten. Ab und zu wurden sie geschnappt, verprügelt oder sogar von der Gestapo misshandelt. Nicht alle waren bei Kriegsende noch am Leben.

Erzählt wird auf zwei Ebenen. Die eine Ebene umfasst Daniels Begegnungen mit dem alten Mann, die andere besteht aus dem Tagebuch des Alten, verfasst in der Sprache eines Arbeiterjungen. Letztere Schilderung ist dokumentarisch belegt: Der Autor verweist im Nachwort auf Autobiographien und historische Untersuchungen und er widmet das Buch zwei 2011 und 2012 verstorbenen ehemaligen Edelweißpiraten. Nicht unerwähnt bleiben im Nachwort die Probleme, welche die Bundesrepublik mit dieser Gruppe hatte. Erst 2005 wurden sie als Widerstandskämpfer anerkannt. Die ausgesprochen späte Anerkennung, vor allem aber die Widerstandshaltung, der Mut der Edelweißpiraten selbst bringen ihn zu der Aussage: „Wir sollten nicht aufhören, ihre Geschichte zu erzählen.“

Gerade die Jugend der Edelweißpiraten, ihre Abenteuerlust und ihr Freiheitswille, schaffen eine Brücke zwischen damals und heute, zwischen Jung und Alt. In diesem Sinne könnte man als Beitrag zu einem Dialog zwischen den Generationen Jugendliche dazu auffordern, einige Tagebuchseiten zu ergänzen, die der alte Mann über seine Begegnungen mit Daniel hatte schreiben können.

(Der Rote Elefant 31, 2013)

Rudolf Wenzel