Ort: DDR; Erzählte Zeit: 1979. Die Blutsbrüder Jonas und Fred teilen alles, auch Sportzeug, egal, wie komisch das aussieht. Da stellt Jonas‘ Mutter einen Ausreiseantrag. Zwar liegt West-Berlin nahe Falkensee, bedeutet aber laut Ich-Erzähler Fred „Ausland. Unerreichbar wie Mauritius … Zu Hause reden wir gar nicht darüber“. Freds Vater, ein regimetreuer Zöllner, verbietet dem Sohn die Freundschaft mit Jonas. Die 10-Jährigen lassen jedoch nicht zu, dass die Erwachsenen einfach über sie verfügen. Ihr Plan: ein Verbindungstunnel von Falkensee bis nach Australien. Ausgangspunkt der Grabung: eine stillgelegte Ziegelei im Mauerstreifen. Später soll Jonas von Australien aus entgegenbuddeln. Die Aktion erweist sich als gefahrvoll: „Alles nur aus Zuckersand“. Nach Jonas‘ Ausreise und Freds Wechsel auf eine DDR-Elite-Sportschule wird jeder Kontakt unterbunden, aber die „Blutsbrüder“ finden ihren Weg …

Im Gegensatz zum tragisch endenden, preisgekrönten Film „Zuckersand“ des Regisseurs Dirk Kummer, Jahrgang 1966, schließt sein Kinderbuch optimistisch. Kummers DDR-Sozialisation – er wuchs am literarischen Ort auf – spiegelt sich faktisch (montägliche SED-Versammlungen von Freds Vater – Reaktion: „Kopfschmerzen“; DDR-Fernsehshow „Kessel Buntes“ mit West-Stargast), atmosphärisch („bei uns ist … alles politisch“) und sprachlich („Fetzig wär das.“). Freds naive Weltsicht und die Dialoge der Freunde geben authentische Einblicke in geistige und tatsächliche DDR-Enge. Dieser stellt der Autor kindliche Phantasie und seelische Kraft gegenüber: „Australien ist hier. In der Veranda in Falkensee. Die Kängurus hüpfen durch Muttis Oleanderwald. Falkensee ist wie der Busch“.

Neben der berührenden Geschichte einer Freundschaft, voll innerer und äußerer Spannung, schafft besonders das Veranda-Kapitel für heutige  Leser*innen eine emotionale Brücke zu einem Helden, der in einer anderen Zeit in einem anderen (Deutsch-) Land lebte. Überdies nimmt Kummer durch die Verknüpfung von DDR- und aktueller deutscher Kinderliteratur die deutsche Einheit symbolisch vorweg. So findet Fred in Jonas‘ zurückgelassenem DDR-Kinderlexikon „Von Anton bis Zylinder“ unter dem Stichwort „Australien“ einen Zettel mit dessen „West“-Adresse: „Berlin 61, Dieffenbachstraße“. Die „Dieffe“ wiederum ist literarischer Schauplatz von Andreas Steinhöfels Rico-Oskar-Büchern. Dort trafen sich der tiefbegabte Rico und der hochbegabte Oskar das erste Mal und blieben als Freunde unzertrennlich. Dort könnten sich 10 Jahre später auch Fred und Jonas wiedertreffen. Die literarischen Freunde können nicht wissen, dass die Mauer fallen wird, die Leser*innen schon.

(Der Rote Elefant 38, 2020)

Claudia Rouvel