Cover: Davide Morosinotto, Die Mississippi-Bande

Alles begann damit, dass „wir … die Dose mit den drei Dollar aus dem Bayou gefischt hatten. Weiter ging es mit der Uhr … mit der Verfolgungsjagd in den Sümpfen … und unserem Entschluss, nach Chicago zu reisen“. „Wir“, das sind der lebenspraktische Farmerssohn Te Trois, der schamanisch begabte Arztsohn Edward und die taffe Joju samt jüngerem Bruder Tit. Letztere laut Gerüchten „Flittchen“-Kinder. „Chicago“ bedeutet: 4000 Dollar für die Ablieferung der kaputten Uhr, die das Versandhaus „Walker und Dawn“ irrtümlich an die Kinder verschickte. Auch der Tote im Sumpf, der hinter der Uhr her war, motiviert zum Abhauen. Nach abenteuerlicher Schiffsreise auf dem Mississippi, gefährlichen Landgängen und illegaler Fahrt im Viehwaggon werden die Freunde in Chicago verhaftet. Was sie nicht hindert, einen Mord aufzuklären, mittels der Uhr einen Code zu knacken und reich zu werden.

Literarische Orte, Lokalkolorit, Spannungsaufbau und Motive erinnern an „Huck Finn“ bzw. „Tom Sawyer“. Der italienische Autor verweist direkt auf deren Schöpfer, wenn Edward bemerkt, dass die gemessene Tiefe des Mississippi -„zwei Faden tief“ – dem Pseudonym „Mark Twain“ entspricht. Morosinottos Geschichte spielt rund 50 Jahre später: 1904. Den Epilog, weitere 60 Jahre später, erzählt der als Kind schweigsame Tit, Autist und Uhrennarr. Trotz Aufhebung der Sklaverei wird er als Schwarzer massiv diskriminiert, z. B. nicht bedient, woraufhin die „Bande“ unter Protest die Bar verlässt. Auch die restlichen 3 Teile des Romans werden jeweils von einem Mitglied der sozial heterogenen Gruppe erzählt. Jedes Ich erscheint als differenzierte Persönlichkeit, die Erlebtes, die anderen und sich selbst kritisch reflektiert. In Summe entsteht ein Gruppenporträt, das der Lesersympathie sicher sein kann. Eng verzahnt mit der aktionsreichen Haupthandlung sind Erlebnisse, welche den Kindern aus dem unterentwickelten Süden der USA erstmals das Gefälle zum technisch hochentwickelten Norden vor Augen führen. Sie bestaunen Lokomotiven, vergleichen das Schlachten zu Hause mit den Tötungsmaschinen in Chicagos Schlachthäusern, besichtigen das marktbeherrschende Versandhaus samt Lochkartenlogistik. Auch sind sie bei der Erfindung des Hot-Dogs dabei. Die historischen Fakten verleihen dem Roman zusätzlich Qualität, wobei Landkarten und den Mord betreffende Zeitungsartikel gleichzeitig inhaltsvertiefenden und Schauwert besitzen. Die zeitlose Botschaft, dass Gier nach Reichtum, einschließlich Mord, mit Glück nichts gemein hat, vermittelt der Autor über die Erfahrungen seiner Helden: Sie sind gegen den kapitalistischen „American way of life“ immun.

Claudia Rouvel