Ein altweiß gefärbtes A5-Bändchen. Auf dem Cover eine minimalistische Bleistiftzeichnung: zwei Figuren auf einer Anhöhe, weiter weg ein Hund, darüber ein Vogelschwarm. Vereinzelt wirken Menschen und Tiere, unverbunden, einsam. Aber was hat der Buchtitel „Die Umarmung“, gestaltet in warmem Braun-Rot, mit dieser Stimmung zu tun?

Die Gestaltung nimmt ästhetisch das philosophische Thema vorweg: Der Mensch als einmaliges Wesen, in dieser Einmaligkeit verurteilt zur Einsamkeit, von keinem anderen ganz zu verstehen, weil niemand so ist wie dieser eine Mensch. Der Junge Ben fürchtet sich vor dieser Wahrheit. Er will sie nicht, nicht für sich, nicht für die Mutter. Behutsam lenkt diese das Gespräch, bestätigt Bens Erkenntnis, relativiert dessen Angst. Die Innigkeit am Ende tröstet. „Genau dafür wurde die Umarmung erfunden“, lautet der kommentierende mütterliche Satz.
Von verstehendem Zuhören, behutsamer Kommunikation, Liebe und körperlicher Nähe erzählt dieses Büchlein. Dass der Mutter-Sohn-Dialog während eines Spaziergangs stattfindet, wo körperliche und geistige Bewegungen in eins gehen können, erscheint als dialektisches Erzählprinzip des bekannten israelischen Autors David Grossman.

Die meditativ anmutenden Bildkompositionen der israelischen Künstlerin Michal Rovner setzen Gesprächsatmosphäre und emotionale Schwankungen des Jungen überzeugend um. Der Schlichtheit der Sätze entspricht der reduzierte Illustrationsstil: Weiß-gelbliche Flächen dominieren, die blass-grauen, zuweilen leicht farbig getönten Zeichnungen setzen Akzente von Nähe und Distanz. Der in graue Versalien gesetzte, zurückhaltend eingefügte Text strukturiert die Bildsequenzen oder schmiegt sich deren Form sinnvoll an. Abstrahierte Landschaft und schmale Silhouetten animieren den Betrachter die Leere mit eigenen Bildern und Gedanken zu füllen. Die letzte Illustration zeigt Mutter und Sohn als Einheit und in Einheit mit der Welt: einander zugeneigte Bäume bilden über beiden ein Dach, dessen Form an gotische Kirchenfenster erinnert.

Das altersoffene Bilderbuch ist ein Geschenkbuch, ein Familienbuch, ein Buch für alle, die mit Kindern über das (Da)Sein in der Welt nachdenken. In Gruppen böte sich zur Annäherung die bereits erwähnte Spannung zwischen Illustrationen und Buchtitel an. Zu Illustrationen, die „Vereinzelung“ suggerieren, könnten Kinder assoziativ Begriffe finden, welche für sie die Bildstimmung bzw. die Stimmung der Figuren benennen. Wer könnte da gemeinsam unterwegs sein? Wie stehen die Personen zueinander? Das Gespräch würde durch den Buchtitel erweitert. Wovon könnte dieses Buch in Bild und Text erzählen?

Claudia Rouvel