Cover: David Almond, Nautilus' Traum

„Dies sind Seiten mit Wasser getränkt“. Bereits der Prolog lädt zum Abtauchen in eine schillernde Unterwasserwelt ein, um „Geschichten von Meereswesen und über uns Menschen …“ zu erfahren. Dass diese Einladung suggestiv wirkt, liegt vorrangig an der magischen Ausstrahlung der Bilder. Dieter Wiesmüller entführt die Betrachter mit seinen großformatigen, von Türkis bis Ultramarin in den unterschiedlichsten Blau-Facetten gestalteten Illustrationen in eine fiktive Welt nach dem – im wahrsten Sinne des Wortes – „Untergang“ der Menschheit. Der Lichtkegel eines unbenannten Leuchtturms auf dem Meeresgrund weist in Richtung Folgeseiten. Dort gleiten verschiedene Meeresbewohner, wie Haie, Quallen oder Wale, durch leere Städte oder umrunden imposante Bauwerke. Zunehmend wird klar: In den Relikten sind von Menschen geschaffene Kunstwerke und Bauwerke repräsentiert und damit zwei Jahrtausende Kultur-, Technik- und Architekturgeschichte (z. B. ein Buddha, die Sphinx, Michelangelos „David“, die chinesische Mauer, die Tower Bridge, die Freiheitsstatue, Schloss Neuschwanstein).

Die monochrom-abgestufte Farbgestaltung samt ruhig dahingleitender Meerestiere plus Layout (links: weißer Text auf blauem Grund, rechts: Illustration) vermitteln trotz (oder gerade wegen) der Abwesenheit der Menschen eine wunderbar-friedliche Welt. Doch was ist mit der Menschheit geschehen? Die Legenden der Delfine künden davon, dass jene vergangenen Geschöpfe in eine Welt aus Licht und Luft eingetaucht waren und der Buckelwal wundert sich in seinen Gesängen darüber, ob solch widersprüchliche Bestien wie die Menschen überhaupt jemals existiert haben können. David Almond, bekannt für seine philosophischen Jugendromane, schuf zu jeder Illustration kurze Monologe, Dialoge oder Erzählungen, die im Erzählton stark variieren und die Sprecher charakterisieren. Ich-Bezogenheit, assoziativer Austausch über die Bauwerke und vage Erinnerungen an die Menschen stehen nebeneinander. Gerade durch diesen Wechsel der Perspektiven könnte sich am Ende die Frage aufdrängen, welches Andenken Leser/Betrachter selbst auf dieser Welt hinterlassen möchten. Die letzte Doppelseite vereint alle Bauwerke und benennt sie. Bei der Arbeit mit dem zivilisationskritisch intendierten Buch sollten – gleichsam als eine Reise durch die Menschheitsgeschichte – deren eigene Geschichte, die Unterschiedlichkeit ihrer kulturellen Zusammenhänge und die künstlerisch-bauliche Verwirklichung einbezogen werden. Warum weist der in Oregon verortete Leuchtturm auf der letzten Seite in keine Richtung mehr?

Michael Böhnisch