„Worte sollten wandern und sich winden … wie Eulen fliegen und wie Fledermäuse flattern, … schleichen wie Katzen … murmeln und schreien und tanzen und singen.“ Genau das tun die Worte in Minas Tagebuch. Sie sind sprachlicher Ausdruck einer besonderen Wahrnehmungsfähigkeit. Aber Mina gilt als aufsässig, ja anpassungsunfähig. Ständig ist sie in verbal verletzende Auseinandersetzungen mit Lehrern und Mitschülern verstrickt. So nimmt die Mutter Mina von der Schule, unterrichtet sie selbst und setzt diese Entscheidung gegen amtlichen Willen durch. Sie weiß: Mina trauert um den verstorbenen Vater und diese Trauer sitzt so tief, dass sie den Vater – wie einst Orpheus seine Euridike – aus dem Hades holen will. Dazu steigt sie in einen stillgelegten Schacht hinab. Aber sie steigt auch hoch hinauf, in ihren Lieblingsbaum, um ungestört an den Vater zu denken, brütende Vögel zu beobachten und neue Wörter zu ersinnen. Von dort sieht Mina, wie nebenan eine Familie einzieht. Nun schreibt sie so oft „SEI TAPFER!“ in ihr Tagebuch, bis sie wagt, was sie nie wagte: auf einen anderen zuzugehen und zu sagen: „Bist du der Neue …? Ich bin Mina.“
Mit letzterem Satz beginnt und endet das Buch. Dazwischen versucht Mina herauszufinden, wie sie all das, was sie erlebt und fühlt, sprachlich fassen kann. „Meine Sätze werden ein Gelege sein, eine Sammlung, ein Muster, ein Schwarm, eine Herde, ein Mosaik.“ Mit diesem Tagebuch-Anfang offenbart der renommierte britische Autor David Almond das eigene Schreibkonzept. Er mischt Erzählperspektiven und -zeiten, kombiniert ganz verschiedene Textformen: Gedicht wechselt mit Gebet, Gedankensplitter mit (Wut)Gefühlsausspruch, Endlossatz mit Nonsens-Wortschöpfungen. So spiegelt die Textgestalt die Vielschichtigkeit und Zerrissenheit der Hauptfigur wider, zeigt aber gleichsam den Weg einer intellektuellen Verarbeitung, denn: im Gegensatz zur traditionellen Tagebuch-Ich-Form füllt es Mina – objektiv erzählend – mit Geschichten, Lebensweisheiten, Ideen, Beobachtungen. Damit verschafft sie sich – und damit dem Leser – Distanz zu emotionaler Befangenheit und nötigen Denkspielraum. Das im Präsens erzählende Mina-Ich dagegen, das Zwiesprache mit dem Leser hält und diesen emotional fesselt, wechselt immer dann ins Präteritum, wenn Vergangenes berichtet und in Gegenwärtiges eingeordnet werden soll. Damit erfasst Almond erzähltechnisch einen Prozess, in dessen Verlauf verschiedene Schichten psychischen Erlebens in ein „Ich“ integriert werden müssen, um „Ich“ sagen zu können.
Almond gelingt eine starke Außenseiterfigur, die sich als Werdende begreift und dafür selbst Verantwortung übernimmt. „Mina“ ist überdies eine Art Prolog zu Almonds hoch gelobtem Kinderroman „Zeit des Mondes“, worin von Minas Freundschaft zum Nachbarjungen (weiter)erzählt wird. Die verschiedenen Textsorten – im Layout durch Schriftgröße, -schnitt und Formatierung gekennzeichnet – sind wunderbar geeignet, sich in einer literarischen Veranstaltung über die Hauptfigur Almonds Schreibkonzept anzunähern. Ausgangspunkt wäre ein „Tagebuch“. Was steht in einem Tagebuch? In welcher Form wird es geschrieben? Die Teilnehmer ziehen aus dem Tagebuch Zitate auf verschiedenfarbigem Papier. In (Farb-)Gruppen findet ein individueller Austausch über Inhalt und Form der Texte statt. In großer Runde wird weitergedacht: Sind das Tagebuch-Texte? Worin besteht die Irritation? Was für eine Person könnte solche Texte ausdenken?

Beata Wilcke / Sabine Mähne