Cover: Corinne Maier; Freud

Eingangs materialisiert sich der alte Freud aus Zigarrennebel, bereits im Off via Sprechkästen anwesend. Bildsignale wie leerer Sessel, Freud-Porträt, Rauchschwaden bereiten auf Freuds Tod am Ende des Buches vor. Der Philosoph Freud eröffnet seine Ich-Darstellung mit der Grundfrage der Philosophie „Wer bin ich?“. Seine Antworten stellen eine eitel selbstgewisse, manchmal verzweifelt selbstkritische Persönlichkeit vor. Enthalten sind Positionen zu Religion, Judentum und Krieg, Familie und Berufskollegen. „Ich bin … der Erfinder der Psychoanalyse, … lächerlich!; … ein verhinderter Archäologe, … ein Ketzer, politisch nichts … ein Mann der Wissenschaft, … nie zufrieden, … wütend auf die Menschheit“. Parallel dazu klären die Künstlerinnen in Text und Bild Freuds Wege zur Theoriebildung: „Redekur“, Traumdeutung, Ödipuskomplex …

Die graphisch-gestalterischen Mittel sind überaus vielfältig: gerahmte und offene Panels, aussagefähige Größenverhältnisse von Figuren und Objekten, Ornamente, Symbole, Farbakzente in Kapiteln und Textfeldern, Wechsel von Schrifttypen als Ausdruck für Verdrängtes (Der Fall Anna O.; Freuds Libido).

Die Komplexität der Angebote erschließt sich erst nach und nach, auch in den Anspielungen (u. a. Winsor McCay, Escher, Dali). Besonders beeindrucken die Simultanbilder, welche Freuds These vom Schlingern des Menschen zwischen „Ich“, „Es“ und „Über-Ich“ ironisch veranschaulichen. Der die eigenen Träume Analysierende wirkt dabei auf einem Auge blind …

Ob Freudianer oder Freudgegner, vorliegende graphic novel ist eine kenntnisreiche, augenzwinkernde Hommage auf einen der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Für Jugendliche bietet sie einen originellen Zugang. Meist haben letztere den Namen Freud, und sei es nur im Zusammenhang mit der Redewendung „Freudscher Versprecher“, schon mal gehört. Mit Sicherheit jedoch betrifft Pubertierende der stark empfundene Zwiespalt zwischen Müssen und Wollen bzw. die Frage „Wer bin ich?“.

Zur Annäherung an sich selbst und eine Person, die sich lebenslang dieser Problematik widmete, bietet sich die Seh-Test-Bildtafel „PSYCHOANALYSE“ (S. 22) an. Deren Buchstaben, zusammengefügt aus antikem Säulenbruch, Scherben und mythischen Figuren, könnten als Einzelbildkarten ermittelt werden. Welche Wörter lassen sich aus den Buchstaben bilden? Welches Wort ergibt sich aus allen Buchstaben? Wie ließe sich dieses Wort übersetzen? Und: Was erzählt die komplette Bildtafel über die Arbeitsweise des kleinen Mannes, der sich zwischen den Buchstaben gleich einem Archäologen bewegt? Anknüpfend könnte die Ödipus-Bildgeschichte näher betrachtet werden.

(Der Rote Elefant 31, 2013)

Claudia Rouvel