Cover: Constanze Spengler; Die Hexe, die sich im Dunkeln fürchtete

Sie ist klein, wohnt in einem schiefen Häuschen, geht selbst etwas schief, hat eine lange Nase, viel Kinn und ‒ wie es sich für eine Hexe gehört ‒ vor (fast) nichts Angst. Nicht vor Spinnen, Blutegeln und Vulkanausbrüchen, nicht vor Drachen, Löwen und Gewittern. Nur eines fürchtet sie: die Dunkelheit. Anstatt mit anderen Hexen in der Walpurgisnacht um den Blocksberg zu reiten, hext sie sich alljährlich einen Schnupfen an und bleibt daheim. Spitzzüngige Kommentare ihres wahrheitsliebenden Spiegels lassen die Hexe nach einem Gegenmittel fahnden. Ein Hexenzauber ist die Lösung. Doch drei der sieben Ingredienzien ‒ ein Kiesel von Mondgestein, der Bart eines Gespenstes, das Herz einer Kröte ‒ sind nicht leicht zu haben. Also taucht die Hexe in die Tiefen des Schwarzen Sees, verbringt eine Nacht auf dem Kahlen Berg (!) bei einem Geist und besucht die düstere Graphithexe in ihrem finsteren Haus. Dank klarer Worte der um ihr Leben bangenden Kröte ist das Zaubermittel letztlich nicht vonnöten, obwohl die Angst der Hexe bleibt.

Constanze Spengler variiert das im Bilderbuch häufige Thema „Angst“. Sie erzählt von Vermeidungsverhalten und vom Mut, sich ändern zu wollen, von verschobener Eigenwahrnehmung, Bewältigungsstrategien und Ehrlichkeit ‒ sich selbst und anderen gegenüber. Und davon, dass Angst zum Leben gehört. Sie nutzt Märchenhaftes (Zauber, Spiegel, sprechende Tiere …), spielt aber humorvoll mit den entsprechenden Motiven. So wird z. B. der Spiegel von Schneewittchens Stiefmutter als altes Familienerbstück bei erstbester Gelegenheit von der Hexe verscherbelt. Besonders gelungen ist das Zusammenspiel von Bild und Text bei der Darstellung des Verhältnisses zwischen Hexe und Kröte. Anfangs eine Gefangene und „Zutat“ für den Zauber, wird die Kröte zur Begleiterin und Freundin.

Auf großformatigen Doppelseiten verdeutlicht Spengler eindrucksvoll das Wechselspiel von Hell und Dunkel, Licht und Schatten, Tag und Nacht. Gekonnt nutzt sie Tusche, Buntstifte und Kreiden, um zarte, blasse Linien und Formen auf dunkle Untergründe zu setzen. An die Dunkelheit in diesen Bildern muss sich das Auge erst gewöhnen, der Blick sich nach und nach schärfen. Mit gelber Kreide erzeugt Spengler leuchtendes Strahlen, z. B. wenn die Hexe in einem Lichtkreis von 50 Kerzen sitzt oder einfach nur bei Nacht die Haustür öffnet. Mit Kindern könnte man die Perspektive wechseln, die Geschichte aus Sicht der Kröte, des Spiegels, der Graphithexe … erzählen lassen.

Kathrin Buchmann