Cover: Clémentine Beauvais, Dreckstück

Fünf Gymnasiasten schwänzen zum wiederholten Mal die Schule. Auf dem Weg in das Appartement von Gonz, das Papa bezahlt, titulieren die Wohlstandskinder einen Motorrollerfahrer als „dreckigen Gorilla“ und zwingen ein schwarzes Mädchen zum Mitgehen, da in deren Locken eine Laus turnt. Ein Parasit! Überhaupt sind Schwarze „Dreckstücke“, Abschaum, der aus den Vorstädten in Paris‘ Herz drängt und ihnen die Hochschulplätze klaut. Die Parasitenbekämpfung geschieht mittels Nagelschere und Rasierer. Die in Essig ertränkten Läuse kommen in den Reis, der dem Kind serviert wird. Haare brennen im Aschenbecher, den Gonz einst für Papa bastelte. Die Nachrichten melden den Untergang eines Flüchtlingsbootes und das Verschwinden einer Sechsjährigen. Irgendwann verlässt die Clique die Wohnung – ohne Kind. Eine Polizeistreife greift die Jugendlichen auf: Verdacht auf Schulschwänzen und Drogenkonsum. Alle gestehen die Entführung und kommen vor Gericht. Jahre später schreibt das Kind an die Verurteilten: „Ich bin kein Dreckstück … Die Dreckstücke seid ihr.“ Als Ich-Erzähler David diese Zeilen im Knast liest, fängt bei ihm „gleich wieder alles an zu jucken“.

Opferbehauptung und permanenter Juckreiz bei den Tätern erscheinen als einzige Lichtblicke in dem nur 82-seitigen, bedrückend wirkenden Text. Erzählt wird von Kollektivschuld, nicht von Individuen. So kommentiert z. B. ein Cliquenmitglied die Lehreraussage, das „ganze Grüppchen sei auf die schiefe Bahn geraten“, mit: „Das ganze Grüppchen? Wie süß! So reden die über uns?“ Abgesehen von David, der die Ereignisse rekapituliert, weiß der Leser meist nicht, wer spricht, wer welche Demütigung vorschlägt bzw. sie ausübt. Nur David, in dessen Kommentare sich manchmal eine zu gehobene Erzählweise einschleicht, was an der Übersetzung liegen könnte, wird ein gewisses Unrechtsbewusstsein zugebilligt, zumal er und Elise beim „Schlimmsten“ nicht dabei sind, sondern „nur“ aus der Wohnung darunter Schreie und Weinen vernehmen. Mit diesem Kunstgriff provoziert die Autorin die Figuren (und die Leser), das Geschehen zu imaginieren und damit Täter im Kopf zu werden. Auf die Frage nach dem „Warum“ hat David keine Antworten, nur vage Vermutungen, so dass die Leser selbst aktiv werden müssen. Dementsprechend endet das Buch. Davids letzte Sätze lauten: „Je mehr man an die Läuse denkt, desto mehr kribbelt es. Und wie ich sehe, geht es bei euch auch schon los.“ Selbst wenn das Juckmotiv etwas überstrapaziert wird, wäre zu prüfen, ob Beauvais‘ Provokation aufgeht. Kürze, Aktualität und Erzählweise prädestinieren „Dreckstück“ unbedingt als Schullektüre.

Claudia Rouvel