Abschied von der Mutter am Bahnhof. Martha macht eine Zugreise. Am Ziel erwartet sie der Vater. Zwischen Abfahrt und Ankunft passiert vordergründig nicht viel: Landschaften ziehen vorbei, eine Frau setzt sich zu Martha und strickt einen Schal, ein Mann mit Cellokoffer kämpft sich durchs Abteil, ein Arbeiter nimmt gegenüber Platz und summt eine Melodie, Stadthäuser werden sichtbar und am Himmel Zugvögel … Alles, was scheinbar beiläufig geschieht, schickt Martha jedoch auf eine zweite, eindrücklichere Reise: im Kopf, worin Gedanken, Erinnerungen und Träume vorüberziehen. So erinnern in Herbstlaub stehende Bäume an Opas Spruch „Einen alten Baum verpflanzt man nicht“ – und Martha fragt sich, ob sie auch schon Wurzeln habe. Angesichts des Verstrickens rot-grüner Wolle tauchen Assoziationen zum Schicksal und zu Farben der Liebe auf. Als Martha die Augen zufallen, denkt sie über Nacht- und Tagträume(r) nach und träumt selbst. Sie überlegt, warum Musiker Applaus bekommen, Bauarbeiter aber nicht. „Wohin wird ihre Lebensreise gehen …?“

Die kleine poetische Geschichte würde im Büchermeer sicher untergehen, wäre da nicht die opulente Ausstattung des Buches. Das große Hochformat und der lackierte, feste Einband mit zusätzlichem, papiernem Schutzumschlag fallen sofort ins Auge, zumal das darauf gezeichnete Porträt des wachen Mädchens noch von in Papier gestanzter Ornamentik umwunden ist. Gemäß dem Reisemotiv ziert die Vorsatzseiten ein geradlinig verlaufender Schienenstrang. Die Innenseiten bestehen aus hochwertigem, festem und getönten Papier, welches die Wirkung der überaus kunstvollen Bleistiftillustrationen mit farbigen Akzenten und die damit korrespondierenden Schriftfarben noch verstärkt. Entsprechend der Bedeutung von realer bzw. gedanklicher Reise weisen die Seiten, welche den Blick vom Zug aus ins Weite lenken, viele freie Flächen auf. Geschehnisse im Zug können Betrachter*innen z. T. durch Waggonfenster verfolgen, die wie Comic-Panels aufgereiht sind. Mit wechselnden Perspektiven oder weiterführenden Assoziationen spielen vor allem die eingefügten, variantenreichen Lasercut-Seiten, worauf z. B. ein sich windender Schal oder ein Baugerüst vor einem Haus zu sehen sind. Da beim Umblättern Vorsicht geboten ist, böte sich die Präsentation des Gesamtkunstwerkes für ein (auch jüngeres) Kind bzw. kleinere Kindergruppen mittels einer „erwachsenen“ Hand an. Während der Buchvorstellung könnten Marthas Nachdenk-Anlässe aufgegriffen werden, um einen kleinen philosophischen Diskurs anzuregen. Was für Assoziationen weckt ein starker Baum, welche ein immer länger werdender Schal? Werden Träume einmal wahr? Und was sagt das alles über Martha und ihre Situation?

Edda Eska