Cover: Christian Oster; Besuch beim Hasen

Zwar wartet der Hase schon eine Weile auf Besucher seines neuen Heims, aber der erste Gast ist ein unliebsamer – der Fuchs. Ausgerechnet der holt den Hasen kurz nach Mitternacht aus dem Bett. Die schöne Klingel habe ihn angelockt! Na gut, die hatte der Hase tatsächlich als Lockmittel gedacht, aber nur, um endlich seine Nachbarn, die Waldmaus und den Igel, kennen zu lernen. Nun weiß der Hase, dass er deren Besuche nicht mehr erleben wird. Doch zunächst reicht er ein Glas Möhrensaft an seiner Bar. Da klingelt es erneut. Die Waldmaus erkundigt sich, ob alles in Ordnung sei. Sie habe Licht unter der Tür gesehen. Freundlich bittet der Hase die Nachbarin herein. Der Fuchs sperrt sie unter ein Glas und gibt dem Hasen Verhaltens-Anweisung, wenn Nachbar Igel gleich käme. Es wird eine CD eingelegt. Der Knack-die-Röhre-Rock ertönt und zwar laut, lauter, am lautesten. Der Igel klingelt, beschwert sich über den Lärm, wird freundlich eingeladen, legt sein Stachelkleid ab. Da schnappt die Falle zu. Das „große Fressen“ kann beginnen: als Vorspeise Waldmaus, zum Hauptgang Hase und für den leckeren Nachtisch Igel ist ein wenig Zucker obendrauf vorgesehen. Aber diese Rechnung hat der Fuchs ohne Frau Igel gemacht …

Das ist ein erstklassiges Vorlesebuch und wird überdies Kindern, die schon gerne selber lesen, Ver-gnügen bereiten. Der französische Autor spielt mit bekannten Figuren aus der Märchenliteratur und wandelt seine moderne Geschichte über Nachbarschaft zu einem spannungsgeladenen Drama. Kundige Leserinnen und Zuhörer ahnen, wer allein die Rettung bringen kann. Christian Oster charakterisiert seine Figuren vor allem über die wörtliche Rede. Dem Hasen verleiht er für dessen ständiges Widersprechen einen aufreizend umständlichen und altbackenen Ton, während der dreiste Fuchs schnoddrig-frech daherkommt. Frau Igel hat das sprichwörtliche Sagen und wird mit einem Kommandoton ausgestattet, der keine Widerrede duldet. Tobias Scheffel gelingt für alle Sprachporträts eine überzeugende Übersetzung.

Katja Gehrmann erweitert auf humorvolle Weise die Geschichte, wenn z. B. ausgerechnet zwei Schnecken den preiswerten Umzug des Hasen durchführen. Die Figuren konturiert sie schwarz und charakterisiert sie durch Körperhaltung und Augen. Wichtige bzw. weniger wichtige Handlungsmomente hebt sie durch einen Wechsel von doppel-, halb- oder viertelseitigen Illustrationen hervor. Dementsprechend unterlegt sie zartfarbig, aufgetragen mit breitem Pinsel, färbt Landschaften bedrohlich dunkel ein oder inszeniert bewusst vor weißer Fläche. Der Titel des Buches lädt dazu ein, mit Kindern einen neuen Gastreigen zu erfinden. Was geschähe wohl, wenn der Wolf käme, oder, wer es harmonischer möchte, eine Hasenfrau?

Sabine Mähne