Cover: Chris Van Allsburg; Die Geheimnisse von Harris Burdick

Das Buchcover zeigt eine besegelte Draisine auf Schienen, zu beiden Seiten Wasser, der Himmel ist wolkig verhangen. Vier Passagiere sind auf dem Weg in den Nebel, brechen auf zu einem anderen Ort, in eine andere Zeit. Die in milchiggrauen Tönen gehaltene Illustration ist eine Einladung zu einer Reise ins Ungewisse, zu einer Geschichte mit offenem Ende.

Die Legende: Vor vielen Jahren legte ein gewisser Harris Burdick dem Kinderbuchverleger Peter Wenders vierzehn Illustrationen, inklusive Titel und Bildunterschrift, vor. Es handelte sich um Bilder zu Geschichten, die er geschrieben habe. Wenders ‒ sofort fasziniert ‒ verabredete die Übergabe der fehlenden Geschichten für den nächsten Tag. Die  Zeichnungen blieben bei Wenders ‒ Burdick aber kehrte nie zurück, verschwand ebenso spurlos wie seine Geschichten. 1984 veröffentlichte Chris Van Allsburg erstmals Burdicks Bilder.

Angeblich hatte er sie vom pensionierten Wenders erhalten. Realität oder  Phantasie? Der Antwort auf diese zentrale Frage kommt der auf die Spur, der weitere Bilderbücher von Van Allsburg zur Hand nimmt …

Von den verschwundenen Geschichten blieben nur jeweils eine Schwarz-Weiß-Illustration, sowie deren Titel und Bildunterschrift. Jeweils auf einer Doppelseite vereint, stehen sie in einem spannungsvollen Verhältnis zueinander. So zeigt eines der Bilder lediglich zwei Kinder, die einem Kieselstein hinterher blicken. Dieser scheint über einer glitzernden Wasseroberfläche zu schweben. „Verrückter Julitag“ lautet der Titel des Bildes, und die Bildunterschrift verrät: „Er warf mit aller Kraft, aber der dritte Stein sprang zu ihm zurück.“

Wie in einem Puzzle verweisen Texte und Bilder auf Geschichten, auf Handlungsverläufe, Orte, Zeit, Personen, Geschehnisse. Nur, dass zahlreiche Puzzleteile fehlen …

Die fotorealistischen Bleistiftzeichnungen ziehen den Blick des Betrachters sogartig an, richten ihn auf geheimnisvoll-surreal wirkende Orte und Figuren: zwei Lichtkugeln in einem nächtlichen Schlafzimmer, eine an einem Wildbach stehende Harfe, ein riesiges Dampfschiff in einem venezianischen Canale … Weltweit inspirierte dieses Buch Menschen zum Phantasieren, Träumen, Erzählen und Schreiben, auch in Internetforen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind auch weiterhin eingeladen, die Geschichten zu erfinden, die Harris Burdick dem Verleger Wenders schuldig blieb.

(Der Rote Elefant 31, 2013)

Esther Ingelfinger