Am Anfang steigen die Erzählerin und ihre Schwester heimlich aufs Dach ihres Hauses. Es ist Vollmond. Verbunden durch schwesterliche Nähe und inspiriert vom Anblick des nächtlichen Himmels erzählen sie einander Familiengeschichten. Diese umfassen ganz alltägliche Begebenheiten. Vom Feiern ist die Rede, von Festen, wo Beziehungen gepflegt werden, wo die Jüngsten und die Ältesten ihren Platz haben: erzählt wird von einer Geburtstagsfeier, bei der eine Piñata voller Geschenke aufgeschlagen wird, vom Besuch einer Naturheilerin, vom Jahrmarkt, einer Hochzeit, einem Fünfzehn-Jahre-Fest für Mädchen ganz in Rosa und schließlich von Weihnachten. Begleitet werden diese Geschichten von zwölf Farbtafeln, die an naive Malerei erinnern und auf besondere Weise mexikanisches Kolorit vermitteln. In den eingängigen Tableaus ist viel zu entdecken. Sie enthalten kleine (Neben)Geschichten, zeigen Bestandteile indianischer und spanischer Kultur und inspirieren dazu, kulturelle Besonderheiten wahrzunehmen. Zudem tauchen einige Details wiederholt auf: z. B. ist eine körperbehinderte Frau bei mehreren Feiern anwesend oder das rosa Kleid im Zimmer einer kranken Schneiderin wird später bei der Feier zum 15. Geburtstag eines Mädchens getragen. Die Bilder stammen aus den Jahren 1985 bis 2000 und erzählen aus dem Leben der Chicanos in den 50er und 60er Jahren. Seit Ende der sechziger Jahre kämpft die Chicano-Bewegung für die bürgerlichen Rechte der in den USA lebenden Mexikaner. Die Malerin Carmen Lomas Garza, 1948 in Texas geboren, ist mexikanischer Abstammung und kommt aus dieser Bewegung. Ihre Kunst fordert Respekt vor einem Kulturraum, der zwar arm, aber nicht wertlos ist. Der Text der spanisch–deutschen Ausgabe überzeugt leider nicht in gleicher Weise wie die Bilder, da der Erzählton, sich eher an einen fremden Zuhörer als an die nahe Schwester richtet. Auch ist schade, das der Text nicht darauf verweist, dass die im Mittelpunkt stehende Familie (Vgl. Carmen Lomas Garzas Familie) nicht in Mexiko, sondern in den USA lebt, es sich somit um eine mexikanisch-amerikanische Gemeinschaft handelt. Auf der Bildebene jedoch ist dies sehr wohl zu entdecken: an Beschriftungen, Gegenständen oder in der Architektur.

Gerade aufgrund dieser Parallelitäten bietet sich das Buch für „kulturelle“ Suchaufgaben in interkulturellen Gruppen gut an. Was gehört in welche Kultur? Für Kochfans sind dem Buch Rezepte von Tamalas und Empanadas beigefügt. Wer mehr über die Künstlerin, ihr Leben und Werk wissen möchte, dem sei die website www.carmenlomasgarza.com empfohlen.

(Der Rote Elefant 25, 2007)

Ursula Avalos