Eine Familie muss sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass die Mutter aufgrund ihres jahrelangen Rauchens an Lungenkrebs erkrankt ist. Bei einer Heilungschance von 5 Prozent liegen die Nerven aller blank, latent schwelende Konflikte zwischen den drei Geschwistern sowie neue Konflikte müssen ausgetragen werden. So wird vom Kampf einer Familie gegen eine grausame Krankheit, von Leiden und von wachsender Zusammengehörigkeit erzählt.

Brian Fies veröffentlichte parallel zum Krankheitsverlauf bei seiner eigenen Mutter diesen Comic als Tagebuch im Internet. Bei jeder neuen Veröffentlichung war unklar, wie sich der Zustand der Mutter weiter entwickeln würde, und so entstand eine sehr ehrliche und ungeschönte Sicht auf die eigene Lebenssituation. Neben viel Verständnis, Wärme und Liebe spart er nicht mit Vorwürfen gegen sich selbst, die beiden Schwestern und auch die kranke Mutter. Dies und auch der teilweise sehr schwarze Humor verunsichern anfangs, ist doch eher eine vorsichtigere, sensiblere Umgehensweise mit einem solchen Thema üblich. Aber gerade diejenigen, die sich selbst schon einmal in einer ähnlichen Situation befunden haben, wissen um die widersprüchlichen Gedanken und Gefühle aller Betroffenen. Gerade wegen der fehlenden Rührseligkeit bietet „Mutter hat Krebs“ eine sehr empfehlenswerte Möglichkeit, ältere Kinder und Jugendliche an die Thematik heran zu führen und mit ihnen darüber zu diskutieren. Gerade auch die anfangs befremdende Umsetzung als Comic eignet sich ausgezeichnet dazu, da Kinder mit dieser Erzählform meist vertraut sind und sie zu schätzen wissen.

Brian Fies setzt viele verschiedene Stilmittel des Comics ein. Er wechselt Perspektiven und Ebenen, zwischen Mini- und Großformaten, zwischen Nahaufnahme und Totale. Er verarbeitet Fotografien und Zitate anderer Bildmedien, so dass Collagen entstehen, färbt ganz unerwartet bestimmte Figuren oder Objekte ein, so dass sie aus den meist schwarz-weißen Zeichnungen stimmungsvoll hervortreten. Und er bricht durch witzige Ideen jeden Anflug von aufgesetzter Trauer. Stellvertretend seien hier einige genannt: der eigene Auftritt und der seiner Schwestern als übermenschliche Superhelden, die Erinnerungen an den Großvater in Sepia und die eindringliche Darstellung der Mutter als Hochseilartistin, auf deren Balancestange sich immer mehr Zirkustiere setzen, bis sogar noch das Hochseil zu brennen anfängt.

(Der Rote Elefant 25, 2007)

Frank Kurt Schulz