Cover: Brendan Wenzel, Alle sehen eine Katze

„Die Katze ging durch die Welt mit ihren Schnurrhaaren, Ohren und Pfoten … und das Kind sah EINE KATZE, und der Hund sah EINE KATZE, und der Fuchs sah EINE KATZE.“

Noch weitere 9 Tiere begegnen der Katze: ein Wurm, der ohne Augen, Ohren und Nase die Katze nur über den Erschütterungssinn wahrnimmt; ein Floh, der um sich herum nur Fell sieht; eine Maus, die sich vor dem rot-schwarzen Monster mit von Angriffslust gelb funkelnden Augen fürchtet … Für die Biene dagegen erscheint die Katze wie durch ein gepunktetes Raster.

„Alle sehen eine Katze“ ist Brendan Wenzels erstes Bilderbuch, zu dem er auch den Text schrieb. Signalisiert der Text die Wiederholung des immer wieder Gleichen, stellen die Illustrationen die Einzigartigkeit der jeweiligen Wahrnehmung heraus. Damit entstehen zwei raffiniert voneinander abweichende und doch aufeinander bezogene Erzählebenen. Im stark verdichteten Text spielt der Autor bereits mit Subjekt und Objekt, indem er anfangs die Perspektiven zwischen beobachtetem Objekt „Katze“ und beobachtendem bzw. wahrnehmendem Subjekt „Tier“ wechselt. Bestimmte bzw. unbestimmte Artikel stützen diese Absicht und sind im Layout durch verschiedene Formatierungen hervorgehoben. Was aber sieht am Ende die Katze, wenn sie ins Wasser blickt?

Pro Katzen-Wahrnehmung drücken stark differierende Größenverhältnisse, Perspektiven, Farbakzente, Materialien (Wasserfarben, Kreiden, Kohle, Collage-Papiere …) und verschiedene Mal- und Zeichentechniken das für das jeweils betrachtende Tier Typische aus. Mal ist jedes Katzenhaar präzise gestrichelt, mal die Katze nur als verschwommen gemalter Umriss zu ahnen … Der Kurzsichtigkeit des Hundes bei gleichzeitig hochentwickeltem Gehör entspricht die farbliche Blässe des spindeldürren Katzenkörpers samt der ins Bild gesetzten riesigen Glocke am Katzenhals. Die Warnfarbe Rot wiederum charakterisiert das Maus-Katze-Verhältnis, braun die Erdgebundenheit des Wurms und sattes Gelb die Gier der Schlange auf eine leckere Katzenmahlzeit.

Vor einer Buchvorstellung brächte die Frage „Wie sieht für dich eine Katze aus?“ eine Annäherung an das Thema „Wahrheit“. Jedes Kind könnte von einer eindrucksvollen Katzen-Begegnung erzählen, wobei bereits verschiedene „Wahrheiten“ zu Sprache kämen. Buchnäher wäre eine gezeichnete Antwort. Der Vergleich der verschiedenen Perspektiven auf ein Objekt führte direkt in eine philosophische Auseinandersetzung darüber, welche von diesen denn „wahr“ sei. Weitere Angebote zur Diskussion liefert das tiefsinnig-humorvolle Bilderbuch selbst, das mehr zu bieten hat als die Botschaft, dass jeder nur durch „seine eigene Brille sieht“.

Susann Kloss