Cover: Levi Pinfold; Der schwarze Hund

Pinfords Text-Bild-Parabel wurzelt im englischen Humor, zielt aber ins Allgemeinmenschliche. Sie erzählt auf hintersinnig-vergnügliche Weise von Vorurteilen. Begründet in irrationalen Ängsten können diese in Feindseligkeit umschlagen, aber durch aufklärerischen Mut überwunden werden ‒ so wie hier: Eines Morgens lungert ein schwarzer Hund vor dem abgelegenen Wald-Haus der Familie Hoop (im Original besser: Family Hope). Entsprechend der Hoopschen Wahrnehmung zeigen die Illustrationen den Hund groß wie einen Tiger oder gar T-Rex ‒ auf jeden Fall eine gefährliche Bestie. Da hilft nur: Panisch verbarrikadieren! Einzig Nesthäkchen Klein stellt sich dem mittlerweile haushohen Wesen. Größe und Unberechenbarkeit schrumpfen im Spiel und durch Kleins Lieder ‒ bis der Hund durch die Katzenklappe passt. Und da die Hoops nicht Baskerville heißen, darf der knuddlige Vierbeiner bleiben …

Assoziiert man schwarze Hunde in Großbritannien abergläubisch mit „Tod und Unglück“, so erscheint die Reaktion der Familie kulturell bedingt: „’Du meine Güte!‘, schrie sie und lies ihren Teebecher fallen […] ‚Du meine Güte!‘, schrie er und lies seinen Teddybär fallen.“ Sprachlich charakterisieren monotone Sätze und Wortwiederholungen den Hoopschen O-Ton und damit den Drang nach Selbstvergewisserung innerhalb der Gruppe. Ironisiert wird so der Unwert gedankenlosen Nachplapperns. Tritt Klein auf, werden diese Satzstrukturen aufgebrochen. Parallel zur nachweislichen Gutartigkeit des Hundes wendet sich die Sprache ins Melodische: „Du kannst nicht folgen, wohin ich gehe, außer du schrumpfst in meiner Nähe!“ Die Tempera-Illustrationen zeigen im Wechsel comicartige, sepiafarbene Vignetten und farbig illustrierte (Doppel-)Seiten, welche die Textaussagen zusätzlich ironisch zuspitzen. Zum Beispiel sieht man die Hoops hinterm Esstisch lauern, bewaffnet mit einem Bratenwender, welcher gleichnishaft den (Bild-)Rahmen sprengt. Am Schluss jedoch ist die Atmosphäre wieder behaglich-einladend. Das Hoopsche Heim ist keine Festung mehr, sondern strahlt charmant-chaotisch wie die ganze, um ein Mitglied erweiterte, Familie.

Gleichnishafte Grundidee, kindlich-selbstbestimmte Protagonistin und ironische Gestaltungsweise machen dieses Bilderbuch zu einem ästhetischen Vergnügen für jede Altersgruppe und natürlich für jede Familie. Für Psycho- oder Bibliotherapeuten könnte das Buch als augenzwinkerndes Anschauungsbeispiel zur Problematik „Familie als Festung“ dienen (vgl. Horst-Eberhard Richter: „Patient Familie“).

Kristina Vogt