Cover: Jürg Schubiger; Als der Tod zu uns kam

„Als die Welt noch jung war“ hieß Schubigers 1996 mit dem DJLP ausgezeichnetes Kinderbuch. In der Titelerzählung spielt der Schweizer konjunktiv-ironisch mit Weltanfängen. Er bricht erklärtermaßen ab, wo die Welt noch in Ordnung, noch jung ist. Wenn die Welt jedoch altert, muss auch vom Tod erzählt werden. Und so erzählt Schubiger weiter, wie es gewesen sein könnte, als der Tod in die Welt kam. „Es gab eine Zeit, da kannten wir nicht einmal seinen einfachen Namen. … Es gab kein letztes Stündchen damals, es gab nur ein erstes, zweites, drittes, tausendstes“ … Mittels einer Wir-Erzählinstanz wird alles Bisherige als kollektiv erfahrene Dauer beschrieben. Dann kommt der Tod als „Fremder“ ins Dorf. Er stolpert über eine Schnecke und setzt sich, den schmerzenden Fuß reibend, auf eine Schwelle. Übermütig ahmen Dörfler das Stolpern nach, schlagen sich Knie und Nasen blutig. „Das ist nicht zum Lachen“, sagte der Tod. Er darf in einer Scheune übernachten, raucht zum Zeitvertreib eine Zigarette. „Am nächsten Morgen war unser Haus niedergebrannt.“ Ein Kind kommt um. „Wo ist sein Leben hingekommen?“, riefen die Menschen. Der Tod weiß keine Antwort, trauert mit ihnen, hilft beim Sargzimmern. „Was der Tod uns damals zurückgelassen hat, ist das Leid, das Mitleid und der Trost.“ Das Bewusstsein von Vergänglichkeit ist in die Welt gekommen und damit ein sorgsamerer, sensibler Umgang miteinander. Vergleicht man Eröffnungs- und Schlussdoppelseite, wird deutlich, welche Veränderung das Dorf durch den Tod erfuhr: psychosozial und gestalterisch.

Schubiger und Berner nehmen Thema, Kinder und Kunst ganz ernst. Die kongeniale (Un)-Einheit von Text und Bild schafft – auch für jüngere Kinder – vielfältige Zugänge, sich dem angstbesetzten Thema behutsam zu nähern. Berners gewohnt flächige Gestaltung macht in der Umsetzung des philosophisch-metaphorischen Textes tieferen Sinn. Noch junge Welterfahrung setzt sie perspektivisch flach aufs Blatt: Hellgrüner Himmel, dunkelgrüne Wiese, dazwischen eine weiße Fläche. Separiert stehen darin Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Verschieden getönte Haut, unterschiedlicher Augenschnitt, Haarfarben bilden „Menschheit“ ab. Alle sind jung, haben noch keine Tiefe. Nur der Brand unterbricht explosionsartig die Ordnung der Seiten. Den Tod, im Text nur mit Schirm ausgestattet, gestaltet Berner als staubig-müden Wanderer mit roter Umhängetasche und Taschentuch auf dem Kopf. Die abstrahierte (Toten)Kopfform, mit ihm ziehen schwarzer Schatten und Wolke, kennzeichnen die Allegorie. Berners Attribut „rotweißgepunktetes Taschentuch“ hat etwas Kindliches. Kindnah wirkt auch die Aussage des Todes, immer zerstöre er unabsichtlich Dinge oder initiiere schlimme Situationen. Berner erweitert dies, indem sie ihn Nadel, Faden, Verbandszeug und Nägel mit sich führen lässt. Helfend verarztet er so Verletzte, steuert aber auch Sargnägel bei. Weitere Bilddetails voller Symbolkraft provozieren Fragen. Warum verliert die Blume ihre Blütenblätter im Angesicht des Todes? Was geschieht mit der vom Tod berührten Schnecke? In welchen Kontexten kommt Schwarz vor?

Claudia Rouvel