Cover: Bibi Dumon Tak, Mikas Himmel

„Schwarze Wolken bedeckten den Himmel, als Mika uns verließ … Doch wir nahmen nur wahr, wie Mikas letzter, allerletzter Atemzug über den Rand ihres Körbchens strich … ,Und jetzt?‘“ , fragte Kleiner Bruder mit Blick auf Körbchen und Himmel. Jetzt wurde Mika in einer Decke nach draußen getragen und in ein Erdloch gebettet. Doch für Kleiner Bruder war das nicht genug. Er brachte einen Ball: „Falls sie da spielen will“. Überdies wollte er wissen, was denn mit Leine und Fressnapf würde und ob es an dem Ort, an dem Mika jetzt sei, jemanden gäbe, der Mika füttere? Auf diese und weitere Fragen erhält Kleiner Bruder zwar keine Antworten, aber er wird tröstend in den Arm genommen. Statt Mikas Knurren und Bellen ertönt aus dem Himmel ein Grollen …

„Mikas Himmel“ erzählt auf berührende Weise, wie ein etwa Fünfjähriger erstmals für ihn Unfassbares erlebt und fragend versucht, dieses in seine Weltsicht zu integrieren. Für Kleiner Bruder muss es einen Ort geben, wo das geliebte, verstorbene Wesen „jetzt“ sein und es gut haben kann. Metaphorisch steht dafür seit Menschengedenken der Himmel und so stimmt schon auf dem Vorsatz eine schwarze Wolke auf Traurig-Bedrohliches ein. Ebenfalls seit Menschengedenken dienten Bestattungsrituale – von Generation zu Generation weitergegeben – dazu, die Toten zu ehren und Abschied zu nehmen. So weiß auch Mikas Familie, was nach dessen letztem Atemzug zu tun ist. Die gemeinsam zelebrierte Beerdigung hilft allen, aber besonders Kleinem Bruder, loszulassen. Das starke „Wir“-Gefühl, das sich in Zärtlichkeit, Fürsorge und Verständnis der „Großen“ gegenüber dem „Kleinen“ ausdrückt, vermittelt sich den Lesern über einen warmherzig berichtenden, aber nicht alles wissenden „Wir“-Erzähler. Van Haeringens Illustrationen zu Bibi Dumon Taks poetisch knappem Text begleiten – inhaltlich und formal reduziert – eindrucksvoll den Trauerprozess. Ist die erste Doppelseite fast vollständig von einer schwarzen Fläche bedeckt, verkleinert sich diese zoomartig von Seite zu Seite, so dass sie am Ende die Form eines schwarzen Hundes annimmt. Steht auf dem Titelblatt der schwarze Hund auf blauem Grund, erweitert Haeringen das Farbspektrum im Laufe der Geschichte. Pro Seite setzt sie nur eine Farbe (für Hintergrund und Schrift) gegen das Schwarz, so dass der Betrachter nach dem Umblättern zwar farblich überrascht wird, aber jede Doppelseite für sich eine große Klarheit ausstrahlt. Kleine Zeichnungen in Weiß und Schwarz verweisen auf Handlungsmomente (Weiß) oder auf Erinnerungen bzw. Vorstellungen vom jenseitigen Leben (Schwarz). Mit der Illustration, die zeigt, wie Mika in der Decke nach draußen getragen wird, könnte eine Veranstaltung beginnen. Was tun die Menschen? Und warum?

Kathrin Buchmann