Cover: Baptiste Paul, Das Spiel

Der Ort: eine karibische Insel. Eigentlich passiert nichts, außer dass Kinder einen Tag lang selbstvergessen Fußball spielen: „Freunde gegen Freunde“. Initiator ist die im weißen Trikot auflaufende Nr. 3. Junge oder Mädchen? Egal. Nr. 3 zaubert bereits auf dem doppelseitigen Vorsatz im dorfnahen Dschungel konzentriert mit dem Ball (Hackentrick, Jonglieren mit Knie und Spann …). Der Ball fliegt Richtung Dorf.

Nr. 3 geht von Holzhaus zu Holzhaus und holt die Spieler(innen) nebst Schiedsrichter, Betreiber eines Kiosks, zusammen. Das Spielfeld ist die Kuhweide, die Tore bestehen aus Bambusstangen, Gummistiefel dienen als Fußballschuhe, alles egal. Dass plötzlich ein Regenguss niederprasselt – auch kein Hindernis. Die Kicker haben den „flow“ und dieser bestimmt die filmische Bildgestaltung ebenso wie den fast nur aus Zurufen bestehenden Text: „Ich steh frei. Pass! Schieß! Fast.“ Ballwechsel, An- und Abpfiffe oder Stürze spiegeln sich in Aus- und Anschnitten, Bildfolgen, Zooms und Totalen wider. Erzeugt wird eine Art Tempo-Sog, der die Betrachter*innen miterfasst.

Die Aquarellbilder, worin mit schwarzem Stift Konturen umrissen oder Akzente gesetzt werden, faszinieren in ihrer sinnlich wirkenden Farbigkeit. Die Welt der Karibik erstrahlt am Morgen in sonnigem Gelb und lichtem Grün, taucht während des Spiels in eine grau-blau-schwarze Gewitterstimmung und leuchtet am Abend in tiefem Orange-Rot. Typus und Hautfarbe der Kinder scheinen mal europäisch, mal eher indianisch oder afrikanisch geprägt, je nachdem aus welcher Gegend der Welt ihre Vorfahren infolge von Kolonialisierung, Zwangsansiedlung oder anderen Gründen kamen. Diese Vorfahren brauchten eine gemeinsame Sprache, um sich verständigen zu können. So schufen sie einen Mix aus Französisch, Englisch, Spanisch, Hindi, afrikanischen Dialekten u. a.: das Kreolische … Einige kreolische Wörter integrierte der Autor Baptiste Paul, selbst auf einer karibischen Insel aufgewachsen, in seinen Text: „Ou byen? Bist du okay? Mwen byen. Ich bin okay.“ Und immer wieder: „Vini“ – „Kommt!“

Im  Nachwort (er)klärt Paul die Hintergründe und in einem Glossar finden Leser*innen die entsprechenden kreolischen Wörter aufgelistet, ins Deutsche übersetzt und mit Aussprachehilfen versehen. Ausdrucksvoll laut gelesen, klingt der zweisprachige Text wie die mitreißende Sportreportage aus einem Stadion irgendwo auf der Welt und begeistert damit sicher nicht nur Fußballfans, sondern jede (multikulturelle) Zuhörergruppe. Unaufdringlich vermittelt sich gelebte Interkulturalität fernab von jedem Nationalismus.

Claudia Rouvel