Drei Preisträger des DJLP sind beteiligt an drei Episoden über drei kindliche Helden in drei Entscheidungssituationen. Für jede Entscheidung braucht es Mut und diesen haben Rosie, Tom und Martha für drei, obwohl es um nichts Spektakuläres geht. Es geht vielmehr um das Bestehen im Alltag, um Lust und Frust, um das Stehen zu sich selbst, das Mitdenken mit anderen oder das Sich-Wehren. Rosie schwankt zwischen Neugier und Vernunft: ein fremder Liebesbrief will, aber darf nicht gelesen werden, aber: „Der Brief wollte mit ihr mit.“ Tom findet einen Weg, der ständig meckernden Mutter –„,Verschwinde!’  sagen ihre Lippen“ – die eigene Verletztheit zu übermitteln und geht ins Baumhöhlen-Exil. Martha denkt entsprechend der mütterlichen Empfehlung „Sei schlauer als deine Faust“  genau nach, um sich gegen Monas gewalttätige Übergriffe zur Wehr zu setzen, ohne selbst Gewalt auszuüben. Am Ende der drei Kurzgeschichten gibt es eine Lösung, doch ist nicht alles erzählt. Die entsprechenden Leerstellen böten sich für Fragen an die Kinder an: Wartet der „hübsche Mann mit schönen blonden Haaren“ schon lange auf den Brief vom „Mann seines Lebens“ und was steht möglicherweise in dem Brief? Warum ist der Junge ganz allein in seiner Baumhöhle im Wald und welches Buch könnte er dort lesen? Was hat Mona wohl dem Lehrer erzählt, ohne zu „petzen“, und warum stattet sie der Autor mit roten Haaren aus? Moeyaert bleibt immer ganz dicht am Denken und Fühlen der Kinder. Die Sprache ist einfach, knapp und klar, besonders beim lauten Lesen formt sie sich zu Poesie. Der Satzspiegel dieses Erstlesebuches verstärkt den Eindruck, ein Gedicht vor sich zu haben: jeder Satz hat Platz – eine ganze Zeile lang.

Die schwarz-weiß-roten Zeichnungen von Rotraut Susanne Berner zeigen mehr Details als der Autor erzählt, z. T. eröffnen sie neue Sichtweisen – manchmal jedoch verdrängen sie die Offenheit und Schlichtheit der Sprachbilder zu sehr. Spannend wäre es da, Kindern zunächst nur den Text vorzulesen und sie selbst mit schwarzen und roten Stiften malen zu lassen, was ihnen wichtig erscheint bzw. das, was nicht erzählt wird.

(Der Rote Elefant 26, 2008)

Antje Buckow / Redaktion