Cover: Atak, Martha

„Der Rhythmus unserer Flügelschläge klingt wie das Surren eines brausenden Motors … Unsere ständig wechselnden Flugbewegungen sind ein elegantes Schauspiel. Wenn wir wandern, herrschen wir über den Himmel. Respektvoll rufen uns die Menschen zu: Wandertauben!“ Doch der Respekt vor den Meistern der Lüfte schwand. Im Laufe der Industrialisierung wurde die häufigste Vogelart der Erde gejagt, vermarktet, ausgerottet. Als letzte starb die nach einer amerikanischen First Lady benannte Wandertaube Martha 1914 im Zoo von Cincinnati. Comiczeichner und Pop-Art-Künstler Atak erzählt, orientiert an Marthas Erleben, auf berührende Weise vom Leben und (Aus)Sterben der Vögel, wobei zuerst die farbintensiven, großformatigen Illustrationen beeindrucken. Das sich historisch wandelnde Mensch-Natur- bzw. Mensch-Tier-Verhältnis greift Atak in vielen Zitaten aus der Kunstgeschichte auf. Dazu gehören mythische Fabelwesen und Comic-Stars (z. B. Micky Maus) ebenso wie ironisch zitierte Breughel- oder Caspar-David-Friedrich-Gemälde. Auf den Surrealismus spielen verfremdete Größenverhältnisse zwischen Mensch und Tier an und die graphische Abstraktion, mit der z. B. die Wandertauben anfangs nur als Farbflecken auf gelbem Grund erscheinen und erst zunehmend als Vögel erkennbar werden, erinnern in Farbigkeit und Duktus an Werke des Expressionismus, etwa von August Macke oder Edvard Munch.

Ataks Zivilisations- und Kapitalismuskritik beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Ausbeutung von Tieren und das Artensterben. Rassismus und gesellschaftliche Ausschlussmechanismen setzt er parallel ins Bild: Tote Tauben einsammelnde „Arbeiter“ sind oft Schwarze, „Herren“, die Pfeife rauchend auf die Jagd gehen, flanieren und kassieren, Weiße. Ein genaues Betrachten von Landschaften, Figuren und Situationen regt Atak u. a. durch poetisch-sparsame Sätze Marthas an, die zuweilen den Leser direkt einbinden: „Kannst du mich entdecken? Ich bin die Fünfte von rechts, vorn in der 23. Reihe.“ Wie ein Epilog wirkt eine paradiesähnlich-farbenfrohe Schlussszene: Ausgestorbene Tiere wie Beutelwolf und Dodo sowie vom Aussterben bedrohte Tiere wie Yangtse-Delphin und Großer Panda leben in freier Natur harmonisch miteinander. Angesichts dieses Bildes drängt sich die Frage auf: „Wie wäre die Welt wohl ohne Menschen?“

Anhand einer Bildauswahl, die viele Assoziations- und Deutungsmöglichkeiten anbietet, könnte mit jüngeren Kindern über das Zusammenleben von Mensch und Tier bzw. Artenschutz gesprochen werden. Mit älteren wären neben Massentierhaltung und Großwildjagd auch Ausbeutungsverhältnisse zwischen Menschen verschiedener sozialer „Klassen“ zu diskutieren – bis hin zur Frage der „Ethik“ im kapitalistischen Markt-System.

Leona Goldstein