Die Faszination des Meisterdetektivs aus der Londoner Baker Street ist auch über 120 Jahre nach dessen erstem Auftritt im Roman „Eine Studie in Scharlachrot“ ungebrochen. Bereits die 1. Auflage (1887) war illustriert. Somit steht die französische Künstlerin Christel Espié mit ihren eindrucksvollen Illustrationen in einer langen Tradition.

„Das gefleckte Band“ erzählt von der mutigen jungen Helen, die sich verzweifelt an Holmes wendet. Sie lebt allein mit ihrem cholerischen Stiefvater in einem abgelegenen Herrenhaus, in dem zwei Jahre zuvor ihre Schwester auf mysteriöse Weise ums Leben kam. Nun mehren sich die Anzeichen, dass auch Helen dem Tode geweiht ist. Im Garten leben exotische wilde Tiere, in der Umgebung haust fahrendes Volk und die letzten Worte der Schwester gehen Helen nicht aus dem Kopf: „O mein Gott! Helen! Das Band! Das gefleckte Band!“.

Volker Gringmuths Übersetzung hält sich eng an Doyles Text. Trotz leicht modernisiertem Erzählstil bewahrt er die Stimmung der düsteren Geschichte aus dem viktorianischen England. Im Vorwort wendet sich Dr. Watson direkt an die jungen Leser und klärt seine Rolle als Chronist des Meisterdetektivs. Neben Aussprachehinweisen englischer Wörter finden sich in einem Glossar veraltete Begriffe wie Blendlaterne, Hundekutsche und Wilton-Teppiche, die Einblicke in den Alltag des ausgehenden 19. Jahrhunderts geben. Das Buchformat ist für Espiés Illustrationen fast zu klein. Wunderschöne Landschaften, viktorianische Innenräume und ausdrucksstarke Portraits wirken in Stil und klassischer Bildkomposition wie zeitgenössische Gemälde. Sie lassen die damalige Welt aufleben und darauf hoffen, dieses Buch möge nicht die letzte von Espié illustrierte Holmes-Geschichte sein. Dann sollte man jedoch auf die unpassend verschnörkelte Schrift auf dem Cover des sonst typografisch angenehm zurückhaltend gestalteten Buches verzichten!

Für krimi- und schauergeschichteninteressierte Kinder ist „Das gefleckte Band“ ein glänzender Einstieg, um den berühmtesten Detektiv der Weltliteratur kennen zu lernen! Ist das Interesse geweckt, sei die vierteilige Roman-Reihe „Sherlock Holmes und die Baker-Street-Bande“ von Mack und Citrin (Rowohlt-Verlag) empfohlen. Darin helfen engagierte Straßenkinder Holmes bei der Lösung spannender Kriminalfälle, wobei gleichzeitig gesellschaftliche Zustände im alten England näher beleuchtet werden. Die beiden ersten Bände sind als Hörbücher erschienen.
Sehr empfehlenswert für ältere Leser sind Roman-Adaptionen des Comic-Künstlers I. N. Culbard, erschienen im Piredda Verlag.

Frank Kurt Schulz