Cover: Anne Richter; Prinzessin Sharife und der mutige Walter

Das Buch verdankt seine Existenz einer Theaterproduktion, die in Zusammenarbeit zwischen einem der ältesten Kindertheater der Bundesrepublik, Schnawwl aus Mannheim, und der Gruppe I-act aus Alexandria realisiert wurde. Wechselseitig suchten die Gruppen sich eine Geschichte aus der anderen Kultur aus; sie werden in diesem Buch in einer nacherzählten Fassung auf Deutsch und Arabisch wiedergegeben. Konsequenterweise muss man die eine Geschichte von rechts nach links lesen.

Im arabischen Märchen überlistet Prinzessin Sharifa den frauenfeindlichen König Hamed und bringt ihn zu der Einsicht, dass es den Tag nicht ohne die Nacht und die Männer nicht ohne die Frauen geben kann, aber auch nicht Freiheit ohne Gleichheit. Das ist die aktuelle politische Botschaft. Im Gegenzug lässt die ägyptische Gruppe den schweizerischen Helden Wilhelm Tell nach überstandenen Abenteuern zum Pazifisten werden. Es ist nicht bekannt, ob die Eidgenossen dagegen Widerspruch eingelegt haben.

Der inzwischen in Deutschland lebende iranische Illustrator, dessen grafische Mittel zwischen Scherenschnitt, Collage und Zeichnung wechseln, erlaubt sich ebenfalls einige Freiheiten. Er lässt auf vielen Bildern eine Katze mitspielen, im osmanischen Milieu einen Schnurbartträger einen Kinder-wagen schieben und einen als Pirat verkleideten Jungen zur Wäscheleine hochklettern, als ob es ein Segelmast wäre. Die Wäscheleineszene spiegelt sich im Bild der Verbrüderungs-Szene der Tellschen Großfamilie: wieder ist eine Schnur gespannt, nur hängen diesmal Lampions und Fähnchen daran.

Ob nun deutschsprachige oder arabische Kinder das Buch ansehen und lesen, das Spiel mit den variablen Requisiten können beide spielen. Ein vielschichtiges, innovatives Buchprojekt, das mühelos die kulturellen Grenzen überspringt.

Rudolf Wenzel