Cover: Anne-Laure Bondoux; Der Mörder weinte

Paolo ist das Kind armer Bauern, deren Haus in trostloser Landschaft im äußersten Süden Chiles liegt. Eines Tages taucht Angel Alegría auf, ermordet die Eltern, lässt aber den Jungen aus einer plötzlichen menschlichen Regung heraus am Leben – und bleibt. Wenig später stößt Luís hinzu, ein gebildeter, gutbetuchter Jüngling, dem es noch an Courage fehlt, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Die drei nähern einander an, dabei rivalisieren die beiden Männer zunehmend auf ihre je besondere Wesensart um Paolos Zuneigung. Als die letzte Ziege stirbt, müssen sie zum Viehmarkt nach Punta Arenas reisen. Hier zerreißt es die fragile Gemeinschaft: Luís bricht mit einem Mädchen in die Welt auf; der Mörder wird verfolgt. Zwar finden Angel und Paolo noch Unterschlupf bei einem einsamen, literatur- und musikliebenden Holzfäller. Doch Polizei und Justiz schaffen schließlich „Gerechtigkeit“: Gefängnisstrafe und Hinrichtung für den Verbrecher, eine Pflegefamilie für das vermeintliche Opfer. Als Volljähriger kehrt Paolo in sein Haus zurück, findet unzählige Postkarten von Luís vor und lernt eine junge Frau kennen. Seine spätere Tochter nennt er Angelina.

Die Geschichte – im Deutschen leider mit melodramatischem Titel und von der Autorin schon einige Jahre vor „Die Zeit der Wunder“ (DJLP-Nominierung 2012) geschrieben – befremdet in Personal und Plot nur zu Anfang. Verstörtheit im Sinne von Nachdenklichkeit und Hinterfragen üblicher Stereotypen hingegen bleiben. Bondoux wagt es, jugendliche Leser mit überaus komplizierten Lebenswegen und widersprüchlichen Charakteren konfrontieren – kunstfertig und verständlich zugleich. In eindrück-lichen, alltäglichen und ungewöhnlichen Szenen lässt sie gleichsam hautnah mitvollziehen, wie sich zwischen den ungleichen Protagonisten allmählich Vertrauen und Liebe aufbauen, die sogar Verrat und Tod überstehen. Mit auktorialer, manchmal kommentierender Erzählerstimme, in einer ebenso schlichten wie bildreichen Sprache fängt sie die Stimmungen, Gefühle und Gedanken insbesondere des heranwachsenden Jungen und seines letztendlich wahren Vaters ein; etwa Angels zum Himmel schreiende Ängste, als das Kind verschwunden scheint, oder Paolos entrückte Verzauberung, als er zum ersten Mal Musik hört … Der vielschichtige und berührende Roman liefert universale Gesprächsthemen: Was braucht es, um ein Mensch zu werden? Was macht seine eigentliche „Geburt“ aus? Können Gewalttäter sich wandeln? Wiegt die Rettung eines Menschenlebens die Ermordung anderer auf?

Edda Eska