Cover: Anne-Laure Bondoux, Das Glück ist nicht immer gerecht

„Während das Fläschchen warm wird, verfluche ich Patty innerlich. Ich verfluche sie dafür, so zu sein, wie sie ist … verfluche mich dafür, so zu sein, wie ich bin. Ich verfluche das Leben dafür, gleichzeitig so hart und so schön zu sein, denn wenn es nur hart wäre, wäre es einfacher.“

Die Pariser Schwestern Mado (15) und Patty (20) sind, wie jeden Sommer, in das Ferienhaus der Familie in die Ardéche gefahren. Doch diesmal ist alles anders: Die Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen und Patty ist ungewollt schwanger. Beide sind ganz auf sich allein gestellt und vom Wesen her sehr gegensätzlich. Patty ist zwar offizieller Vormund der Jüngeren, was sich aber im Alltag anders darstellt. Mado, die noch zur Schule geht und vor den Ferien Prüfungen hat, ist die Pflichtbewusste, Nachdenkende, Vernünftige. Für sie sind die Eltern noch präsent und oft überfällt sie tiefe Traurigkeit. Trotzdem stellt sich Mado der Realität und versucht, Verantwortung zu übernehmen. Patty dagegen lebt das Leben, wie es kommt. Sie ist spontan und interessiert sich trotz der bevorstehenden Geburt mehr für die Farbe ihres Nagellacks. Die Beziehung der Schwestern ist geprägt von liebevoller Nähe und gleichzeitiger Distanz. Aus Sorge, die Vormundschaft zu verlieren, verlassen sie Paris und fahren ins Sommerhaus. Es folgt eine turbulente Zeit mit erstem Verliebtsein für Mado, der Hausgeburt des Kindes, dem plötzlichen Verschwinden von Patty, dem unerwarteten Auftauchen des Kindsvaters und der gemeinsamen Fahrt (auf Umwegen) zurück nach Paris in eine ungewisse Zukunft …

Die Autorin konstruiert eine komplexe Handlung mit konsequentem Spannungsbogen, denn: Immer wenn sich eine Situation zuspitzt und ausweglos erscheint, ergibt sich eine neue Perspektive, welche die Leser an den Text bindet. Auch überzeugt Mado als Ich-Erzählerin. Ihre inneren Monologe und Briefe an die verstorbenen Eltern, worin sie von ihren Gedanken, Sorgen und Gefühlen, Patty eingeschlossen, berichtet und nach Lösungen für die eigene Verzweiflung und Ausweglosigkeit sucht, sind von immenser Eindringlichkeit und regen durch die glaubhafte Erzählweise junge Leser an, über eigene Lebenssituationen nachzudenken. Die französische Originalausgabe erschien bereits 2004 unter dem Titel „La vie comme elle vient“ (Das Leben, wie es kommt). Französischer und deutscher Titel böten Impulse, um mit Jugendlichen über Leben, Glück und Gerechtigkeit zu diskutieren.

(Der Rote Elefant 35, 2017)

Jeanette Arndt / Antje Buckow