Cover: Anne C. Voorhoeve; Nanking Road

In ihrem 2007 erschienenen Buch „Liverpool Street“ (RE 25) erzählte Voorhoeve die Geschichte von Ziska, einem jüdischen Mädchen, dessen Eltern nach dem Pogrom 1938 mit ihr von Berlin nach Shanghai flüchten wollen. Das Vorhaben scheitert und Ziska kommt mit einem Kindertransport nach England. „Nanking road“ spult sozusagen den Film zurück und lässt die Reise nach China zu. Das mag zum Einen symbolisch dafür stehen, dass manchmal Zufälle ein ganzes Leben in eine andere Richtung wenden können. Zum Anderen demonstriert es die Freiheit einer Autorin, das Schicksal ihrer Protagonisten so oder so zu gestalten, ein interessanter Gesichtspunkt, über den es sich zu diskutieren lohnt.

Wie ergeht es Ziska in Shanghai? Sie, die – evangelisch getauft – sich ihrer jüdischen Herkunft gar nicht bewusst war, muss sich nun zu den „Juden“ zählen, die aber mit den „Deutschen“, die es im internationalen Sektor von Shanghai auch gibt, nichts zu tun haben. Sie wird mit den Eltern zunächst in einem Lager untergebracht und es braucht lange, bis sich die Familie aus eigener Kraft mehr schlecht als recht das Überleben sichern kann. Neun Jahre wird es dauern, bis Ziska und die Eltern Shanghai auf einem amerikanischen Truppentransporter Richtung Deutschland verlassen. In dieser Zeit erlebt Ziska Not und Entbehrung, Hilfsbereitschaft und Egoismus, Entstehen und Zerbrechen von Freundschaften, den Rassismus der japanischen Besatzer gegenüber den Chinesen und schließlich die Bombenangriffe der Amerikaner, die sich gegen japanische Stellungen richten.

Die Autorin versucht alle Klischees zu vermeiden. Es gibt Gute und Böse auf allen Seiten, Abgrenzungen entstehen aus Not, Zerwürfnisse aus Missverständnissen. Sehr unterschiedlich gehen die Menschen mit der Extremsituation um, in die sie ohne eigenes Verschulden geraten sind.

Das Geschehen wird rückblickend von der Ich-Erzählerin Ziska erinnert, chronologisch, sehr genau und detailreich. Viele Dialoge machen die Szenen lebendig, aber die Erzählerin reflektiert auch ihr eigenes Erleben, ihr Erstaunen, Erschrecken, ihre Angst.

Ein Buch zu einem wichtigen Abschnitt der Geschichte des 20. Jh., dessen Konfliktlinien bis heute andauern. Aber auch ein Buch, das zu psychologischen Studien einlädt, ein Buch über Freundschaft und eines gegen den Krieg. Gegen jeden Krieg und die Verwüstungen, die er in den betroffenen Ländern und in den Menschen anrichtet. Für jugendliche Leser bietet sich ein Vergleich mit Susanne Hornflecks „Torte mit Stäbchen“ (RE 30) an, das eine ähnliche Geschichte erzählt, aber mit völlig anderem Ausgang.

Rudolf Wenzel