Obwohl ihr polnischer Vorname Blaubeere bedeutet, mag Jagoda nichts Blaues. Denn Blau steckt auch in Blauäugigkeit, im Blaulicht, im Blausein und in blauen Flecken. Jagoda mag Zungenbrecher, ihre Ruhe-Kopfhörer und Glubschis – kleine Plüschfiguren mit großen Augen. In vier Tagen wird sie zehn Jahre alt. Eigentlich ein Grund zu feiern. Doch das scheint unmöglich: Jagoda lebt mit ihrer Mutter und anderen Frauen und Kindern in einem Frauenhaus. Sie müssen ihren Aufenthaltsort geheim halten und mit wenig Geld auskommen. Aber keine Party ist auch keine Lösung! Jagoda hat aus Versehen ihre neue Mitschülerin Mia eingeladen. Und vielleicht – wenn sie gemeinsam feiern würden – könnte sie Mia beeindrucken? Vielleicht würden sie echte Freundinnen werden. Und vielleicht wäre dann alles ein bisschen mehr so, wie Jagoda sich das Leben von Kindern in ihrem Alter vorstellt …
Anna Maria Praßler schreibt über den Lebensort Frauenhaus, eine Realität, die in der Kinderliteratur bisher kaum vorkommt. Laut Nachwort finden dort deutschlandweit jährlich etwa 16.000 Kinder Schutz. Im Zentrum der Geschichte steht Jagodas Gegenwart: das solidarische Zusammenleben im Frauenhaus, ihre Erfahrungen in der Schule, der Beginn ihrer Freundschaft mit Mia und die Organisation der Geburtstagsfeier. Die Handlung wird durch Rückblicke auf Jagodas Vergangenheit ergänzt. Die Planung der Geburtstagsfeier im Wettlauf gegen die Zeit schafft einen kindernahen Zugang zur Geschichte. Auch popkulturelle Bezüge wie Glubschis oder das Lied Wildberry Lillet können die Identifikation erleichtern, sind durch ihre Gegenwartsnähe aber sehr zeitgebunden. Praßler verzichtet auf explizite Gewaltbeschreibungen, ohne häusliche Gewalt zu verharmlosen. So erzählt Jagoda zwar offen von ihrer Vergangenheit: „Papa ist oft (und dann immer öfter) ausgetickt und hat Mama geschlagen. Also sind wir abgehauen.“ Viele Einblicke in ihre Innenwelt werden aber nur angedeutet. So weist etwa die Abneigung gegenüber der Farbe Blau auf unterschiedliche Gewalterfahrungen hin.
Trotz seines ernsthaften Hintergrunds ist der Roman humorvoll und temporeich. Dafür sorgen die kurzen, prägnanten Sätze, Jagodas Sprachwitz und Sprachspiele wie Wortverdrehungen oder Zungenbrecher. Die Ich-Erzählerin trotzt, nach dem Motto ihrer polnischen Babcia, „Geht nicht, gibt’s nicht“, allen Widrigkeiten.
Die in Blautönen gehaltenen Illustrationen von Theresa Strozyk unterstreichen die Balance zwischen Leichtigkeit und Bedrückung. Blau erscheint dabei sowohl als freundliche Farbe als auch als Ausdruck von Traurigkeit und Gewalt.
Für einen Einstieg in den Roman könnte anhand von Redewendungen und Zungenbrechern verschiedenen Bedeutungen der Farbe „Blau“ nachgegangen werden.

