Laut Vorwort fand Shakespeare die Ideen für seine Dramen in bereits vorhandenen Geschichten. Andrew Matthews ging den umgekehrten Weg: Er nahm sich acht der berühmten Dramen und verwandelte sie in Geschichten. Da Matthews nah an Shakespeares Dramen lang erzählt, könnten seine Geschichten auch als eine Art Zusammenfassungen der Stücke gelesen werden, als Überblick über deren Handlung und Grundstruktur. Doch sind sie mehr als das. Indem Matthews die Gedanken und Gefühle der Figuren aus ihren Monologen und Dialogen episch ausformuliert, interpretiert oder eigene Figurenperspektiven einführt, bietet er neue Sichten auf die Werke Shakespeares an. „Antonius und Cleopatra“ lässt er z. B. in der Ich-Form des Wachmannes erzählen, was eine interessante Perspektive auf die Geschichte dieses Paares ermöglicht. Das filmisch-szenische Erzählen in poesievoller Sprache ist begleitet von Illustrationen, die den Text aufgreifen und ihn mit feinen Linien, ausgesuchten Farben und interessanten Bildauflösungen bereichern. Die Farben sind den Stimmungen der Geschichten angepasst. „Cleopatra“ strahlt in königlichem Gold, tiefem Blau, schwerem Violett und Rot – bei „Macbeth“ sind alle Bilder düster verhangen in Grau und Dunkelviolett, in denen blutiges Rot und gespenstisches Weiß herausblitzen. In „Was ihr wollt“ leuchten Rosenfarben und Pastelltöne und „Hamlet“ gibt sich in gedeckten Farben mit leuchtenden Kontrasten bei der Offenbarung. Im „Sommernachtstraum“ herrschen Blautöne vor. Die Bilder haben etwas romantisch-zauberhaftes, sind sensibel und doch bestechend scharf. Zu jeder Geschichte gehört ein Medaillon, ein Art Symbol, das auch in Inhaltsverzeichnis, Vorwort und Nachwort zur Orientierung auftaucht und alles gestalterisch zu einer Gesamtkomposition fügt. Die Titelblätter der Geschichten sind entsprechend den Dramenvorlagen mit Untertitel, Personen und Handlungsort versehen. Dramen-Zitate eröffnen und beschließen jede Geschichte.

Das Buch ist eine erste Annäherung an Shakespeare, zumal das Nachwort „Shakespeare und sein Globe Theater“ Wissenswertes über Quellen und Ziel der Dramen sowie auch über das damalige Theater kurz und anschaulich beschreibt. Alles könnte Lust auf die „Originale“ machen, denn Stücke sind „… dazu bestimmt, im Theater vor Publikum gespielt zu werden. Nur dann kann sich ihr Zauber entfalten.“ (Vorwort) Leider wird das Cover mit seinen amerikanisch herausgravierten rot-schillernden Titelbuchstaben und den stellenweise grellen Farben keinesfalls der geschmacklich ausgewogenen Gesamtkomposition des Buches gerecht.

(Der Rote Elefant 25, 2007)

Juliane Eyermann