„Plötzlich kam das ganze Leben mir wie eine riesige Bingotrommel vor, die alle Menschen herumwirbelt.“ Die komplizierten Welten von Kindern und Erwachsenen mit ihren Geheimnissen und Rätseln stoßen aufeinander und stellen Rico Dorettis Leben tüchtig auf den Kopf. Und sorgen für Herzenskummer allenthalben. Bei Ricos Mutter z. B., die seit einiger Zeit mit merkwürdig leerem Blick in die Ferne sieht, aber behauptet, alles sei in bester Ordnung. Oder bei Oskar, der von seinem Vater wie ein unliebsamer Gegenstand bei Dorettis geparkt wird. Erwachsen werden will Oskar
auf keinen Fall, denn: „Irgendetwas stimmt mit denen nicht … Es ist, als wäre in der Pubertät oder beim Älterwerden was in ihnen kaputt gegangen. Als hätten sie Risse oder Sprünge gekriegt, durch die alle Farbe aus ihnen rausgeflossen ist, bis nur noch Schwarz und Weiß übrig war.“
Auch vor Rico macht das „Herzgebreche“ nicht halt, denn schon bald spürt er bei sich selbst einen ersten Riss, erfährt er doch von Oskar, dass seine Mutter beim Bingospielen betrogen hat und wahrscheinlich in düstere Machenschaften verwickelt ist. Das Erwachsenwerden hat begonnen … Und mit ihm eine weitere spannende, witzige, nachdenklich und auch glücklich stimmende Geschichte.
Nach „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ gelingt Andreas Steinhöfel erneut ein vielschichtiges, anspruchsvolles und hervorragendes Kinderbuch. Hier richtet sich sein Blick noch stärker auf die psychische Verfasstheit seiner sehr verschiedenen Helden. Mit Oskar, dem hochbegabten Besserwisser, entwirft er eine Figur, welche die tiefe Verletztheit eines von den Eltern emotional im Stich gelassenen Kindes aufweist. Die fehlende innere Stabilität kompensiert Oskar mit Wissensanhäufung. Rico dagegen muss eine tiefe Krise durchstehen, wobei die bisher unerschütterliche Liebe zu seiner Mutter auf eine schmerzliche Probe gestellt wird. Letztlich ist es die Freundschaft, die beiden hilft, kritische Situationen zu meistern – die Freundschaft zueinander und die Freundschaft zu Erwachsenen, die ihnen verlässlich helfen.

Erzählt wird mit viel Humor und Sinn für Situationskomik, u. a. von Köttelböllern, dem Charme Berliner Eisverkäuferinnen, einem fast missglückten Miss-Marple-Filmabend und Ricos Liebe zu einem Hund, den er mit seiner „Ode an Porsche“ besingt. Die Schwarz-Weiß-Illustrationen Peter Schössows zeigen Momentaufnahmen der Kapitel, z. B. Rico und Oskar Müffelchen kauend vor Frau Dahlings Fernseher. Die Verortung im Berliner Kiez rund um die Dieffenbachstraße verleiht der Geschichte zusätzliche Authentizität und lädt zu einem literarischen Spaziergang auf Ricos und Oskars Spuren ein.

(Der Rote Elefant 27, 2009)

Kathrin Buchmann