Rico ist tief-, Oscar hochbegabt. Auf dem Cover lässt Illustrator Peter Schössow den langen Tiefbegabten fröhlich zum kurzen Hochbegabten runtergrinsen. Die scheinbaren Sonderlinge verbindet einiges: beide haben nur ein Elternteil (Ricos Mutter arbeitet in einer Bar, Oscars Vater ist arbeitslos), beide sind aus jeweils anderen Gründen nervig-selbstbewusst und überängstlich. Oscar hat  zwar das ganze Universum im Kopf, trägt aber Helm, damit ihm selbiges nicht auf den Kopf fällt. Rico hasst abknickende Straßen wegen des unklaren Richtungswechsels, Fremdwörter und die tiefen Schatten hinter den Fenstern des Hinterhauses …
Dass Rico und Oscar einander begegnen, liegt an einem dritten Sonderling: dem „Aldi“-Entführer. Mit 2000.– € Lösegeld sind Unterschichtfamilien dabei! Wenigstens das sollen die sich noch leisten können. Bei lieblosen Eltern gilt die Entführung auch gleich als Erziehungsmaßnahme. Hochbegabung Oscar jedenfalls will den Gangster stellen. Aber gerade als er dicht am Entführer dran ist, trifft er Rico. Als Rico später die Fernsehmeldung von Oscars Entführung sieht, weiß er, was zu tun ist, nur: in welcher Richtung soll er suchen?

Steinhöfels Großstadtroman für Kinder vereint eine gesellschaftskritisch-ironischsatirische Krimistory mir einer zu Herzen gehenden Freundschaftsgeschichte. Trotz absichtsvoller Überspitzungen ist die künstlerische Wahrheit niemals in Gefahr. Nicht nur der durchweg überzeugende Erzählton des Ich-Erzählers Rico trägt den Text, auch alle anderen Figuren sind in Gestus und Sprache ausdifferenziert gestaltet. Der Autor verortet Geschichte und Opferversteck (Dieffe 93) in Berlin-Kreuzberg. Hier kennt Steinhöfel jeden Stein, jede Frosch- , jede Vogelperspektive. Hier mischen sich (noch) die Milieus, hier passen auch Peter Schössows schräge Figuren genau ins Bild. Die Kapitel leiten ganzseitige Schwarz-Weiß-Illustrationen mit Kapitelüberschrift ein, die auf die Story neugierig machen könnten. Aber auch Ricos Privat-Fremdwörter-Lexikon, worin er bestehende Definitionen in seine eigene Sprache übersetzt, wäre ein kreatives Einstiegshighlight. Beispiel: „Orthographie heißt Rechtschreibung in kompliziert. Es ist kein Wunder, dass ich Schwierigkeiten damit habe, weil rechts drin vorkommt. Es muss also auch eine Linksschreibung geben…“ Ricos Definitionen sind (typo)grafisch separat in den Text eingefügt. Nach Kenntnis einiger Beispiele könnte sich die Frage anschließen: was für ein Verfasser steckt hinter diesen Überlegungen …?

Claudia Rouvel