Cover: Allan Say, Unter dem Kirschblütenbaum

„Makuras“ sind in der Erzähltradition Japans mündlich vorgetragene komische Kurzgeschichten, welche die Zuhörer auf längere pointierte Erzählungen einstimmen sollen. Absurd-komisch mutet die Geschichte vom gnadenlosen Gutsbesitzer, der im eigenen Kopf ertrinkt, durchaus an. Das Verschlucken eines Kirschkerns löst eine Kettenreaktion aus: Der Kirschkern keimt, aus dem Gutsherrenkopf sprießt ein Baum, nach dem Ausreißen desselben regnet es rein. Im Wasser-Kopf schwimmen Karpfen und als die Dorfjungen diese angeln, stürzt der wütende Alte auf die Jungen los und … Übrig bleibt ein „lieblicher Teich“. Das Dorf ist befreit von einem, der „so bösartig (war), dass Säuglinge bei seinem Anblick zu schreien begannen, so geizig, dass er niemals badete, um Wasser zu sparen (und) so gierig, dass er Monat für Monat jedem die Miete erhöhte, bis das Dorf bitterarm war“.

Der 80-jährige Japaner Allan Say, der als Jugendlicher in die USA kam und dort Illustration studierte, präsentiert eine alte, sehr beliebte „makura“ mit einer für Europäer ungewohnten Art von Humor. Da die japanische Sprache keine Ironie ausdrücken kann, Japaner aber trotzdem gerne über andere lachen, was ihnen im Alltag ihre Höflichkeit verbietet, erfinden Geschichtenerzähler häufig Situationen, in denen abzulehnenden Figuren überaus Peinliches geschieht. Möglich machen dies maßlose Übertreibung und phantastische Verfremdung. Say, Fotograf, Illustrator und Autor fügt der klaren Botschaft des sachlich erzählten – und deshalb besonders surreal wirkenden – Textes, filigran gestrichelt-punktierte Tuschezeichnungen bei. Die 14 weiß gerahmten, ganzseitigen, Schwarz-Weiß-Szenen sind botschaftsmäßig nicht so eindeutig wie der Text. Macht und Reichtum finden sich nirgends, auch Armut nicht. Illustriert wird ein alter, isolierter Mann, der am Stock geht und an Rückenschmerzen leidet. Verkniffene Mimik und in sich gekehrte Körpersprache wirken nicht nur lächerlich, sondern erregen auch Mitleid. Meist sind rundlich-dreiste Kinder in der Nähe: den Alten beobachtend, über ihn flüsternd, vor ihm weglaufend, aber auch blitzschnell wieder sich gruppierend. Figürlich und im Benehmen könnten diese Kinder asiatische Verwandte von Max und Moritz sein. Bei der Beschäftigung mit dem Buch wäre interessant, die Text-Bild-Differenz zu erkunden. Unter Einsatz des traditionellen japanischen Tischtheaters „Kamishibai“ könnten Kinder eine Geschichte anhand der Bild-Szenen erfinden. Danach würde der Text vorgelesen. Was deckt sich, was ist anders und warum könnte das der Künstler so gemacht haben?

Claudia Rouvel