Seitdem der Vater unvermittelt Suizid begangen hat, versucht der 16-jährige Ich-Erzähler Will, für Dritte gut und stark zu sein. Die Gruppenvergewaltigung der besten Freundin Playa durch Mitschüler drei Jahre später kann er trotzdem nicht verhindern. Wie er sich von Tag zu Tag hangelt? „Frag mich, ich sag’s dir: Laufend (…) das Gehen wie ein Mantra.“

Der formal ungewöhnliche und großartig übersetzte Jugendroman besteht aus 100 Teilen. Linke Seiten zieren Kalligrafien chinesischer Zahlen beginnend bei 1; rechte Seiten tragen mittig je ca. hundert Wörter – Momentaufnahmen und Rückblicke, die assoziativ ein überzeugendes Ganzes bilden und z. T. fast lyrisch wirken. Das Erzähltempo spiegelt dabei Wills Prozess im Umgang mit seinen Traumata: In Teil 26 benennt er Playas Vergewaltigung, in 46 den Tod seines Vaters, in 65 dessen Suizid. Durch kunstvolle Reduktion schafft die preisgekrönte Autorin neben dem konkreten Thema „Depression“ ein allgemeingültiges Stimmungsbild über die Isolation des Einzelnen in der Gesellschaft, ausgedrückt in poetisch-schnappschussartigen Beobachtungen ihres fragilen, einfühlsamen Helden. Will sieht nicht das Äußere, sondern das Innenleben seines Chefs im „Kabuff … neben dem Personalklo“, des Obdachlosen „in der Gasse zwischen Gitarrenladen und Minikredit“ oder des angeketteten Hundes hinterm Maschendrahtzaun. Damit er und andere nicht aufgeben, hinterlässt Will (meist anonym im Dunkeln) chinesische Segenssprüche (wiederum eine Auswahl aus 100) sowie sorgsam gewählte Geschenke. Überdies nutzt er Songzitate seines Vaters, denn laut diesem, einem David-Bowie-Fan, ist „Musik die Zuflucht der Einsamen.“ Will grüßt so den Obdachlosen mit „Carry on my wayward son“ der Band „Kansas“ und heftet an Playas Präsente die Botschaft „Don’t let the bastards get you down“ aus dem Song von Kris Kristofferson. Der Text verknüpft stimmig zentrale Motive und lotet deren Deutungsmöglichkeiten aus. So das Weiter„gehen“ trotz seelischer Apathie; die erdrückende, aber auch sinnstiftende Dunkelheit; oder die Isolation (s. Bowies „Major Tom“) in der  titelgebenden Raumkapsel, die Will und Playa erst verlassen können, als sie sich ihren Traumata stellen und miteinander sprechen.

Gerade aufgrund der Ernsthaftigkeit im Umgang mit den Themen Depression und Suizid, die sich in der Gestaltungsweise ästhetisch überzeugend vermitteln, kann McGhees Roman Jugendlichen und auch Erwachsenen Trost spenden sowie Mut machen. Zum Einstieg ziehen Jugendliche Zahlen, deren chinesische Übersetzung sie auf einer Tabelle ermitteln können, um das entsprechende Kapitel zu erhalten. Was sagen die kurzen Texte über den Helden?

 

(Der Rote Elefant 39, 2021)

Kristina Vogt